Archiv der Kategorie 'Engagement gegen Apathie? Zynismus gegen Raserei?'

VA-Reihe: Engagement gegen Apathie? Zynismus gegen Raserei? Zur Kritik des Postnazismus und (Neo-)Faschismus

Knapp ein Jahr nachdem Auffliegen der Naziterrorgruppe NSU verlieren auch aufmerksame Beobachter der Affäre langsam den Überblick über all die Geschichten um Geheimdienstkontakte, geschredderte Akten und über all die Hinweise zu den Verbindungen der Mörderclique. Es herrschen Verblüffung, Empörung und Ohnmacht. Vor allem aber stellt sich die Affäre um die NSU als ein Geflecht dar, dass nur noch Experten durchschauen können.
Die blasse Hoffnung mancher, die mediale Öffentlichkeit, die das Naziproblem angesichts der Mordserie erhält, für die eigene antifaschistische Politik zu nutzen, trügt, das zeigt Chemnitz. Bei der breiten Mehrheit der Bevölkerung der Stadt, in der die Nazis jahrelang untertauchen konnten, herrschen Ignoranz, Verdrängung und offensichtliches Desinteresse. Es gibt zahlreiche Hinweise zu Verbindungen regionaler Nazivertriebsstrukturen zum NSU – das Chemnitzer Nazilabel PC-Records veröffentlichte beispielsweise 2010 einen Song der Band „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ in denen die Mordserie der NSU gefeiert wird – doch regt sich immer noch, wie schon seit Jahren, kein nennenswerter gesellschaftlicher Protest. Die Wahrheit ist: Die demokratisch orientierte Zivilgesellschaft hat abseits von Großevents, die das Image des „weltoffenen Wirtschaftsstandorts Deutschland“ wahren sollen längst ihren Frieden mit der Naziszene und ihrer eigenen Unfähigkeit ihr entgegenzutreten gemacht. Manche sind noch engagiert, durchwandern aufopferungsvoll die prekären Tiefebenen kultureller und politischer Bildungsarbeit, ziehen durch Schulen und versuchen gegen Rassismus, Antisemitismus und über demokratische Chancen aufzuklären. Um das Naziproblem sollen sich mal wieder die „Zuständigen“ kümmern und man will auch ein bisschen Teil davon sein.
Die rassistischen Morde der NSU werden primär nur noch als Problem der Strafverfolgungsbehörden und als Problem des Versagens der Geheimdienste in der Bundesrepublik wahrgenommen, das nun endlich durch bessere Vernetzung der Kommunikation der Zuständigen gelöst wird. Das Aufblühen der Naziszene in Sachsen und Thüringen in den 90er Jahren wird als Resultat der Wirren der Wende verbucht, als insgesamt bedauerlicher aber vielleicht auch notwendiger Betriebsunfall. (mehr…)

VA-Hinweis: Postnazismus revisited

Auf folgende Veranstaltung in der TU Chemnitz sei hingewiesen:

Freitag, 05.10.2012, 19:00, TU Chemnitz Raum 2/N005
Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert. Buchpräsentation und Vortrag mit Stephan Grigat

Der Band Postnazismus revisited versammelt Beiträge, die grundlegende Überlegungen zum Nachleben des Nationalsozialismus in den postfaschistischen Gesellschaften anstellen. Sie setzen sich sowohl mit der modernisierten Vergangenheitspolitik in Deutschland als auch den Erfolgen der FPÖ unter und nach Jörg Haider auseinander. Die Aufsätze beinhalten Gedanken zur Kritik des Postnazismus im Zeitalter des Djihadismus und formulieren eine Kritik am „Islamophobie“-Begriff vor dem Hintergrund der Diskussionen über den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik.
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