Archiv der Kategorie 'Allgemein'

Zelos nervt

Felix Bartels liest aus seinem aktuellen Buch »Odysseus wär zu Haus geblieben«

17. März | 19 Uhr | Weltecho

Politische Irrationalität ist, was Felix Bartels in seinem Buch »Odysseus wär zu Haus geblieben« beschäftigt: ihre Wurzeln, ihre allgemeinen wie ihre konkreten Formen. Eines ihrer wesentlichen Kennzeichen ist in der Fixierung auf das Unmittelbare zu finden, im Unwillen und der Unfähigkeit, gesellschaftliche Wirklichkeit im Begriff zu fassen. Wo diffuse Stimmungen an die Stelle vernünftiger Bestimmungen treten, macht sich ein Denken in Vorstellungen breit, die zu abstrakt und gleichfalls zu konkret sind. Zu abstrakt, weil sie daran scheitern, gesellschaftliche Wirklichkeit als spezifische Struktur zu verstehen und vielmehr dazu neigen, sie als Naturverhältnis zu behandeln. Zu konkret, weil aus der übermäßigen Abstraktion der Zwang zur Schuldzuweisung folgt, die den am gesellschaftlichen Verhältnis entstehenden Unmut auf konsensfähige Gruppen konzentriert. Jeder Mensch erlebt gesellschaftliche Wirklichkeit als Ohnmächtiger. Diese Ohnmacht nicht ertragen zu können führt, so nachvollziehbar das Motiv ist, oft zum irrationalen Versuch, sie auszutreiben – ohne an dem, was sie äußerlich hervorruft, überhaupt rütteln zu können. Im Aufschrei gegen den Weltzustand richtet der Empörte sich schließlich ebenso im Gesellschaftlichen ein, wie er dem schlechten Gewissen, das aus dem Einrichten folgt, durch Ersatzhandlungen Abhilfe verschafft. Anstatt die eigene Ohnmacht als Ausgangspunkt wirklichen Begreifens zu nehmen, wird sie in kollektiver Aktion geleugnet.
Im Rahmen der Lesung wird der Autor zuerst eine allgemeine Beschau der Empörungskultur geben, anschließend ein paar prononcierte Überlegungen zu einer Anatomie des Kunden vorstellen und zuletzt einen Vorschlag machen, wie drei Wutbewegungen unserer Gegenwart – Pegida, die Mahnwachen und der Islamismus – in einen Begriff gebracht werden können.

Felix Bartels, geboren 1978 in Berlin, studierte Klassische Philologie und Philosophie. Er ist Herausgeber, Autor, Lektor und Literaturforscher, wobei einer seiner Schwerpunkte in der Erforschung des Werks von Peter Hacks liegt. Sein aktuelles Buch »Odysseus wär zu Haus geblieben. Schutzschrift mit Anhang.« ist im letzten Jahr im Aurora-Verlag (Berlin) erschienen.

Eine Veranstaltung des Student_innenrats der TU Chemnitz in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e. V. und Oscar e. V.

Die Einsamkeit Israels

Lesung mit Stephan Grigat
22.Oktober | 19 Uhr | AJZ Chemnitz

Der Politikwissenschaftler Stephan Grigat gehört neben Matthias Küntzel zu den wenigen intellektuellen Stimmen in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, die die Annäherung zwischen USA und Europa einerseits und dem diktatorischen Regime im Iran andererseits trotz der vermeintlichen Charmeoffensive des aktuellen Ministerpräsidenten Hassan Rouhani kritisieren. Nach wie vor droht der Iran Israel mit der Vernichtung, Antisemitismus und Homophobie sind seit des islamischen Revolution 1979 Staatsdoktrin.

Das aktuelle Buch von Stephan Grigat „Die Einsamkeit Israels“ (konkret – Verlag 2014,(http://www.konkret-magazin.de/konkret-texte/texte-archiv/konkret-texte-nr-64.html) versammelt Texte der vergangenen Jahre, in denen er sich kritisch mit Antisemitismus und eben jener aktuell weit verbreiteten Form, dem Hass auf Israel, auseinandersetzt. Insbesondere analysiert das Buch die Bedrohung des jüdischen Staates durch die Atomrüstungspolitik des Iran, beschäftigt sich aber auch mit der Feindbildpflege deutscher Linker und europäischer Rechter gegen Israel.

Der Autor war Mitbegründer der Wiener Gruppe „cafe critique“ und ist aktuell Gastprofessor an der Universität Gießen. 2007 hat er das Bündnis STOP THE BOMB mitbegründet, als dessen wissenschaftlicher Direktor er arbeitet. Seine Doktorarbeit „Fetisch und Freiheit“ beschäftigt sich mit der Aktualität der marxschen Gesellschafts- und Fetischkritik. Grigat ist Herausgeber von „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“ (2012) und Mitherausgeber von „Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur & ihrer europäischen Förderer“ (2008) sowie „Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes & Perspektiven der Freiheitsbewegung“ (2010).

Die Veranstaltung wird unterstützt vom Subbotnik e.V., dem Kulturbüro Chemnitz und der linksjugend Chemnitz.

Samuel Salzborn auf publikative.org (http://www.publikative.org/2015/03/16/das-akademische-karussell-die-einsamkeit-israels/) über das Buch:

„Stephan Grigat hat ein nachdenklich stimmendes Buch geschrieben: „Die Einsamkeit Israels“. Darin geht es, in zahlreichen kürzeren Einzelbeiträgen, um Zionismus und die Geschichte Israels, um Antisemitismus von links und von rechts und um die iranische Bedrohung Israels. Eigentlich geht es aber um die Mischung aus Verzweiflung und Zorn, die die gegenwärtige Haltung vieler Intellektueller aus Politik, Kultur und Wissenschaft auslöst, wenn man diese in antizionistischer Rhetorik antisemitische Stereotype formulieren hört. Stereotype, die mit Israel, seiner Geschichte und vor allem seiner Situierung als nach wie vor einziger Demokratie im Nahen Osten, die sich seit Staatsgründung aufgrund der militärischen und terroristischen Bedrohung notgedrungen im Ausnahmezustand befindet, wenig bis nichts zu tun haben.

Kaum jemand von denen, die sich Israel als Projektionsfläche für ihre antisemitischen Ressentiments suchen, hat sich ernsthaft mit der Geschichte und Politik des Staates befasst, der nicht nur in seiner formalen Strukturierung als Demokratie ein hohes Maß an Ähnlichkeit mit den westlich-republikanischen Modellen aufweist und dabei – etwa mit Blick auf den nach wie vor nicht abgeschlossenen Verfassungsgebungsprozess, bei dem in seiner pluralen Streitbarkeit durch die Implementierung von mehreren Grundgesetzen (den basic laws) in einen zukünftigen Gesamtkorpus möglichst viele Interessen integriert werden sollen – sogar ein höheres Maß an partizipatorischen Elementen integriert, als jene; sondern auch die israelische Gesellschaft ist in einem Maß streitbar, wie dies gerade für Deutschland unvorstellbar ist, noch zumal mit Blick auf die Selbstkritikfähigkeit, wie sie in der israelischen Postzionismusdebatte zum Ausdruck kam.
Dass von palästinensischer Seite eine ähnliche Diskussion geführt würde, zum Beispiel über die mythologische Verklärung der „Nakba“ oder das irrationale Aufrechterhalten eines angeblichen Flüchtlingsstatus über mehrere Generationen, scheint eine Hoffnung, die so unvorstellbar ist, dass sie gar nicht erst formuliert wird.

Israels Weg „von Krieg zu Krieg“, den Grigat beschreibt, mündet aufgrund der antisemitischen Ziele, die Terrororganisationen wie die Hamas konstitutiv verfolgen, immer wieder in einer Situation, in der die Legitimationswahrnehmung international umgedreht wird: wird Israel zwar von den Antisemiten zum „Juden unter den Staaten“ gemacht und fortwährend von islamistischen Terroristen angegriffen, wird der Akt der Selbstverteidigung medial – zumindest in der deutschen Öffentlichkeit – schnell zur Aggression umgedeutet.

Dass eine Demokratie gar keine anderen Wahl hat, als sich gegen Terrorismus zu verteidigen, noch zumal wenn die agierenden Terrororganisationen offen die antisemitische Vernichtung als ihr zentrales Ziel erklärt haben, fällt in der beschleunigten Berichterstattung deutscher Medien oft unter den Tisch – was noch schwerer wiegt, wenn man mit Grigat reflektiert, dass der von westlichen Intellektuellen vorschnell ausgerufene „Arabische Frühling“ schon längst zu einem „islamistischen Herbst“ geworden ist.

Und hier droht Israel, mehr noch als durch die verbalen Delegitimierungsversuche, die Grigat am Beispiel von Jakob Augstein und Judith Butler stellvertretend für linken Antisemitismus und mit Blick auf die ungarische Jobbik-Bewegung und die NPD exemplarisch für rechten Antisemitismus beschreibt, durchaus substanzielle Gefahr, die die internationale „Einsamkeit Israels“ so erschreckend macht: vom Iran. Die Bedrohung Israels durch den Iran und die Fehler westlicher Appeasement-Politik werden von Grigat, der einer der wenigen deutschsprachigen Iran-Experten ist, in drei Beiträgen in dem Band skizziert.“

Vom Fake zur kollaborativen Imagination

Wissenspraktiken mit Ursula Bogner

Vortrag von Stefanie Kiwi Menrath
13.August | 19 Uhr | Spinnerei Altchemnitzer Str. 27 Chemnitz

Durch Anonymitätspraktiken hat die elektronische Tanz- und Popmusik seit den späten 1980er Jahren eine ästhetisch und sozial produktive Kritik in der Popmusik betrieben. Während frühere Praktiken der radikalen Anonymität sich auf direkte soundpolitische Aktionen konzentrierten, verstricken sich die jüngeren Projekte der elektronischen Popmusik wieder gezielt in Repräsentationspraktiken der popmusikalischen Medieninstitutionen und kritischen Performances von Pop-Persönlichkeit. Am Beispiel des Projekts Ursula Bogner, einer Musikerin und Künstlerin der 1960-1980er Jahre, die 2008 als „vergessene Pionierin der elektronischen Musik“ wiederentdeckt wurde, diskutiert dieser Vortrag zwei Verfahren, das Fake und die Kollaborative Imagination, als musikalisch-künstlerische Wissenspraktiken. Zur Debatte stehen soll, inwiefern diese Verfahren etablierte Repräsentationsformen und legitimierte Formen der Wissensproduktion herausfordern oder sogar transformieren können.

Stefanie Kiwi Menrath publiziert und lehrt zu Medienkunst, Popmusik, Gender und transkultureller Vermittlung. Sie beschäftigt sich seit Ihrer Feldforschung über HipHop in Deutschland (»Performativität von Identitäten im HipHop«, Argument-Verlag 2001) immer wieder mit Pop, Musik und Repräsentation. Der Vortrag in der Spinnerei wird auf ihrer Promotionsarbeit über »anonymity as performance in (electronic) pop music« am Goldsmiths in London und am Institut für Musik in Oldenburg fußen.

Sampling in der Popmusik

„…und dann legst du eine Platte von Billy Cobham auf und ein Freund sagt: Das ist doch Massive Attack!“

Vortrag von Waltraud Blischke
16. Juli | 19 Uhr | Stadtbibliothek Chemnitz – Musikbibliothek

Sampling ist mittlerweile eine Art Breitensport geworden – zumindest für jene Aficionados, die darin weder eine kulturelle Enteignung noch die Remontage ins illusionistische Gestern erkennen.
Das erste Mikrofon kündigt bereits das Prinzip von Speichermedien an: Jeder Klang wird hör- und archivierbar, das Material gewinnt ein Eigenleben. Ästhetische Standards etablieren sich als kulturelle Zuschreibungen, verknüpft mit der Distinktion derselben.
Neben der Hommage am Original, entsteht am Vorabend des Culture Jamming eine neue, destruktive Verspieltheit in der musikalischen Demontage, eine materialistische Konsumkritik als Praxis der erkennbaren Zitate – „A chance to cut is a chance to cure“, wie es der gleichnamige Albumtitel des Musikerduos Matmos propagiert.
Das Mantra des technisch Möglichen kann eine ästhetische Freihandelszone abseits geltender Herrschafts- und Wertesysteme aufbauen, korrumpiert gleichermaßen den Fetisch „Pop“ und seine Hochkulturen des Virtuosen. Dass diese Form kultureller Befreiung aber altern kann, stimmt ebenso. Wenn selbst die Anti-Illusion auf dem Komposthaufen der Musikgeschichte landet, wozu noch Sampling?

Waltraud Blischke, geboren 1967, war nach dem Abitur im Musikalienfachhandel beschäftigt. Während ihres Studiums der Politologie, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität zu Köln begann sie Texte für die Magazine Spex und Stadtrevue zu verfassen. Sie beschäftigt sich mit der Geschichte und Ästhetik elektronischer Musik, ist Dozentin für Sprechen und Schreiben über Musik an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf und Mitherausgeberin und Autorin der Zeitschrift „testcard. beiträge zur popgeschichte“.

Kunst und Kulturindustrie nach Adorno

Vortrag von Isabell Klasen
20. Juni | 20 Uhr | AJZ Chemnitz

Theodor W. Adornos Begriff der Kulturindustrie zielt auf das ökonomische Prinzip der Identität, das alles Individuelle in Schemata zwingt und das sich auch im Bereich der Kultur zunehmend durchgesetzt hat. Die Kulturindustrie, so Adorno, macht hierdurch nichts als Reklame für die Welt, wie sie ist. Dagegen erheben die autonomen Kunstwerke Einspruch. Aufgrund ihrer Eigengesetzlichkeit sind sie gesellschaftlichen Schemata zunächst entzogen; daher verweisen sie für Adorno auf die Möglichkeit einer Welt jenseits des Identitätsprinzips.
Der Vortrag fragt danach, ob dieser Unterschied zwischen Kunst und Kulturindustrie angesichts der zunehmenden Auflösung von Autonomie in der Gegenwartskunst noch aufrechtzuerhalten ist. Darüber hinaus wird überlegt, ob sich an Begriff und vor allem der Kritik der Kulturindustrie nach Adorno noch festhalten läßt – diese ist zwar heute anerkannt als Paradigma jeglicher Kritik an der ökonomischen Produktion von Kulturwaren, sei jedoch gleichzeitig zu „rekonstruieren“ im Hinblick auf ein mögliches kritisches Potential innerhalb der Kulturindustrie selbst.
Isabelle Klasen lehrt an der Ruhr-Universität Bochum über Kunst und Ästhetik und ist u.a. Herausgeberin und Mitautorin des Buchs „Alles falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“.

Unterstützt wird die Veranstaltung durch den Stura der TU Chemnitz und die Rosa Luxemburg Stiftung.

„My future in the SS“

NS-Provokation im deutschen (Post-)Punk
Vortrag und Diskussion mit Frank Apunkt Schneider
21. Februar | 20 Uhr | Subway To Peter

Als im New Yorker Frühpunk erstmals unkommentiert Hakenkreuze und NS-Zeichen auftauchten, war dies vor allem eine innerjüdische Angelegenheit: Jüdische Punks wie die Dictators benutzten sie, um sich mit der eigenen sekundären Traumatisierung als Nachgeborene der Überlebenden auseinanderzusetzen. Als Punk dann wenig später nach Deutschland kam, wurde das provokante Spiel mit dem NS dankbar aufgegriffen. Plötzlich redeten die Kinder und Enkel der Täter_innen in einer verstörend neuen Weise über die Shoa, die Daniel Jonah Goldhagens »Hitlers Willing Executioners« vorwegnahm: Songs wie »Party in der Gaskammer« (Middle Class Fantasies) oder »Die lustigen Stiefel (marschieren über Polen)« (Deutsch Amerikanische Freundschaft) und Gruppen wie Vadder Goebbels und die Nazi-Schlümpfe erzählten von der Shoa erstmals in der Wir-Perspektive und dekonstruierten damit die deutsche Vergangenheitsbewältigung. Dieses scheinaffirmative Spiel war wiederum eine innerdeutsche Angelegenheit: eine Abrechnung mit den eigenen (Groß-)Eltern, deren Lebenslügen genüsslich demontiert wurden. Und doch standen die deutschen Punks damit noch immer in deren Tradition, weil ihre aggressive Wiederaneignung der deutschen Schuld die Auslöschung der europäischen Jüdinnen und Juden auf einer symbolischen Ebene wiederholte. Wie sich Textzeilen wie »Im KZ war’s doch so nett, nett, nett« (A+P) wohl in den Ohren der Überlebenden anhören mochten, darauf scheinen sie jedenfalls keinen Gedanken verschwendet zu haben.

Frank Apunkt Schneider ist unfreier Künstler, Autor und selbsternannter Poptheoretiker, Mitherausgeber der testcard und Redakteur bei skug, außerdem der deutsche Außenposten der Kulturbewegung monochrom. 2007 hat er im Ventil Verlag das Buch »Als die Welt noch unterging. Von Punk zu NDW« veröffentlicht.
Die Organisation der Veranstaltung wird durch den Stura der TU Chemnitz und die Rosa Luxemburg Stiftung unterstützt.

Was Deutschland zusammenhält: Der unverstandene Nationalsozialismus

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann
27. Januar | 19 Uhr | Weltecho (Kino)

Seit mindestens zwei Jahrhunderten sind die Deutschen davon überzeugt, sie seien besonders gut. Derzeitiger Favorit in der Begründung dieses – nennen wir es einmal: erstaunlichen Selbstbewusstseins – ist „unser Lernen aus der Geschichte“. Stolpersteine werden verlegt, „Nie wieder“-Schwüre sind zum festen Ritual geworden, ein Holocaust-Mahnmal wurde errichtet. Doch im Gewande der Demut kommt alte Überheblichkeit daher. Andere Völker würden uns um dieses Mahnmal beneiden, sprach ein führender Historiker und konnte sich des rauschenden Beifalls der wohlanständigen Mitte dieser Gesellschaft sicher sein. Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein regressiver Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Und in obszöner Selbstgerechtigkeit meint man in Deutschland, ausgerechnet aus der Shoah mehr gelernt zu haben als die Juden. Deswegen sind zwar zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, vom jüdischen Staat gehe die größte Gefahr für den Weltfrieden aus, aber Antisemit will sich selbstverständlich keiner von ihnen nennen lassen.

Nur wenig vom Mainstream unterscheidet sich eine Linke, die sich besonders kritisch dünkt, weil sie erst gar nicht vom Nationalsozialismus, sondern lediglich vom „Faschismus“ redet. Dass diese nur vermeintlich an den Wurzeln der Verhältnisse bohrende Linke weiter im ideologischen Korsett der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebt, zeigt sich ebenfalls am auffälligsten am unbegriffenen Antisemitismus, den sie bestenfalls für eine Spielart des Rassismus hält. Wer es auch 70 Jahre nach der Shoah immer noch nicht schafft, sein bequemes Weltbild von den bösen Herrschenden und dem guten Volk abzulegen, klammert sich auf der Suche nach rettenden Strohhalmen gerne an die berühmte Dimitroffsche „Faschismus-Definition“ von 1935. Wiewohl diese von Anfang an falsch war, so ist ihren Urhebern wenigstens noch zugute zu halten, dass sie nicht in die Zukunft blicken konnten. Die Zombielinke von heute aber vermag noch nicht einmal die Vergangenheit zu verstehen. Ihr „Nie wieder“ ist deswegen ebenso Makulatur wie dasjenige der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Lothar Galow-Bergemann (Stuttgart) war langjähriger freigestellter Personalrat in einem Klinikum und schreibt u. a. für konkret, Jungle World und emafrie.de.

Eine Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen

Antisemitische und (ethno)nationalistische Tendenzen im deutschen Rap

Vortrag und Diskussion von und mit Marius Mocker

17. Januar 2015 / 19:00 / M54

Mit dem Zusammenbruch mehrerer großer Independent-Labels begann im Jahr 2009 eine grundlegende Veränderung der Vertriebs- und Promotionkonzepte in der deutschsprachigen Rap-Landschaft. Durch die Ausbreitung von kostengünstigen HD-Kameras avancierte die Video-Plattform YouTube zum Medium des Straßen- und Gangster-Raps, der bisher weder im Musikfernsehen noch im Radio in nennenswerter Weise vertreten war. Zwar waren diese Genres schon immer von Sexismus, Homophobie und androzentrischen Vorstellungen durchsetzt, Nationalismus und Antisemitismus fanden sich aber meist in deutlich geringerem Maße als heute. Egal ob Sexismus, Verschwörungsideologien, Glorifizierung von Islamist_innen, (Ethno-)Nationalismus oder Judenhass: auf den YouTube-Kanälen der Szene wird nahezu jedes Ressentiment bedient. Gleichzeitig schafften es diverse Künstler aus den Reihen dieser neuen Internet-Stars, ihre hohen Zugriffszahlen bei YouTube auch in kommerzielle Erfolge umzuwandeln. Eine szeneinterne und mediale Thematisierung der von den Rappern verbreiteten Ideologien und Ressentiments bleibt allerdings weiterhin die Ausnahme. Gekennzeichnet sind diese Texte durch zahlreichen Ambivalenzen: Religiöse Statements stehen neben Lobliedern auf Drogenkonsum, antisemitische Projektionen der Zirkulation neben einer Fixierung auf weltliche Güter, und der universelle Gedanke des HipHop wird immer mehr durch (Selbst-)Ethnisierung verdrängt. Der Vortrag versucht, diese Entwicklung in kritischer Absicht anhand einzelner Beispiele nachzuzeichnen, um einen Begriff dieser neuen Ideologie des „Straßenrap“ zu entwickeln, die zwischen Kämpfen um Anerkennung und tradierten Ressentiments entstanden ist.

Marius Mocker ist als freier Referent tätig. Er lebt, arbeitet und studiert in Leipzig. Sowohl im Rahmen diverser Vorträge als auch journalistischer Wortmeldungen befasst er sich mit aktuellen kulturellen und politischen Debatten und Phänomenen.
Die Organisation der Veranstaltung wird durch den Stura der TU Chemnitz und die Rosa Luxemburg Stiftung unterstützt.

Die Revolte im Spektakel

Punx not dead – er riecht nur wie abgehangener Situationismus
Vortrag und Diskussion mit Negator
Samstag 8.11. | 19:00 | AJZ Chemnitz

Der zentrale Angriff auf das Realitätsprinzip durch den Punk, die Selbstzerstörung als adäquater Ausdruck der zu erleidenden Zerstörungen, durch die herrschende Produktionsweise im gesellschaftlichen Alltagsleben wie die der natürlichen Lebensgrundlagen, war mehr Spiegelung als Antwort. Die Grundbedingung für jene eher ästhetisch sich artikulierende Revolte waren im London der 1970er Jahre leicht zu squattender Wohnraum, so wie es im Paris der 1950er für die Lettristen die einst geltende Mietpreisbindung gewesen war. Den von letzteren kursierenden Fotos entnahm ein gewisser M. McLaren Anregungen für einen neuen sehr flüchtigen Modestil der Negation. Punk als vermeintlich letzter Ausdruck nihilistischer Subversion in der Krise des Nachkriegsbooms in Europa konnte nichts als verbrannte Erde hinterlassen wollen – ein nicht lebbares Leben in nicht mehr revolutionären Zeiten, deren ehemalige Protagonisten der desillusionierten, nachrückenden proletarisierten Jugend als Protagonisten und Verwalter des modernisierten Kapitalismus, mithin als Feinde gegenübertraten. Wer diesen ersten Anlauf überlebte, musste gestehen, dass es so weitergeht (Hegel) und dass dies die Katastrophe ist (Benjamin). Es folgte die Politisierung, es folgte Hardcore hin zur lebensreformerischen Sektenbewegung. Es folgte ebenso eine Erweiterung der stilistischen Mittel im Postpunk wie der Punk’s not dead-Trotz oder der Business Punk. Und es gibt jenen pop-historischen Link auf den „Situationismus“, der der ganzen Sache bei jedem erneuten Aufguss immer wieder die gefährlich-subversiven Duftnote verleihen musste. Never mind the Situs – Here’s the Aufhebung!

Negator ist Teil des Autorenkollektivs Biene Baumeister Zwi Negator, dessen Bücher über „Situationistische Revolutionstheorie“ im Schmetterling Verlag erschienen sind.
Die Organisation der Veranstaltung wird durch den Stura der TU Chemnitz und die Rosa Luxemburg Stiftung unterstützt.

„Jahrhundertwende“

Film und Gespräch mit Moritz Liewerscheidt
Sonntag 19.10. | 20:00 | Weltecho

Der Essayfilm von Moritz Liewerscheidt reflektiert das Verhältnis von deutscher Gegenaufklärung und marxistischer Philosophie am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert vor dem Bildhintergrund des 21. Jahrhunderts. Aufklärerische Fortschrittsaffirmation und romantische Fortschrittskritik treffen auf die vollendeten Tatsachen einer spätkapitalistischen Gesellschaft. Aus der Kombination von gesprochenen historischen Texten aus dem Off mit Gegenwartsbildern, die ihrerseits den Kontrast von Großstadt und ostdeutscher Provinz zeigen, ergeben sich dabei oft Szenen von schlagender Absurdität. Im Fokus des Films steht vor allem die regressive Tendenz einer Fortschrittskritik, die nicht zufällig in offenen Antisemitismus mündet und außerdem deutliche Parallelen zu zeitgenössischen Formen populärer Kapitalismus- und Globalisierungskritik aufweist. Der Film zeigt auf, dass sich in ihr Kernelemente nationalsozialistischer Ideologie finden und verfolgt schlaglichtartig deren Formierung zum Weltbild. Die Konfrontation von Texten aus einer Zeit vor dem Nationalsozialismus mit Aufnahmen aus dem heutigen Deutschland macht Liewerscheidts Film gleichzeitig zu einer Auseinandersetzung damit, wie im 21. Jahrhundert mit dem Erbe des Nationalsozialismus verfahren wird. Er endet in einem entsprechenden zeitgenössischen Katastrophenbild: Junge Menschen posieren für Urlaubsfotos auf den Betonklötzen des Berliner Holocaust-Mahnmals und erfüllen damit den Wunsch des vormaligen Staatsantifaschisten und Protagonisten eines „Aufstands der Anständigen“ Gerhard Schröder, dass das Mahnmal ein Ort sein solle, „zu dem man gerne hingeht“.

Moritz Liewerscheidt studierte Geschichte und Philosophie in Düsseldorf und besuchte später die Kunsthochschule für Medien in Köln. 2012 schloss er mit dem Filmprojekt Jahrhundertwende sein dortiges Studium ab. Liewerscheidt ist außerdem Autor des Buchs „Zeit der Götter“ – Lutz Dammbeck als medialer „Waldgänger“ (AV Verlag 2014).

Jahrhundertwende: D 2012, 30 Min., R: Moritz Liewerscheidt

Eine Veranstaltung des StuRa der TU Chemnitz

Trailer: vimeo.com/81191109