Archiv für Oktober 2015

Die Einsamkeit Israels

Lesung mit Stephan Grigat
22.Oktober | 19 Uhr | AJZ Chemnitz

Der Politikwissenschaftler Stephan Grigat gehört neben Matthias Küntzel zu den wenigen intellektuellen Stimmen in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, die die Annäherung zwischen USA und Europa einerseits und dem diktatorischen Regime im Iran andererseits trotz der vermeintlichen Charmeoffensive des aktuellen Ministerpräsidenten Hassan Rouhani kritisieren. Nach wie vor droht der Iran Israel mit der Vernichtung, Antisemitismus und Homophobie sind seit des islamischen Revolution 1979 Staatsdoktrin.

Das aktuelle Buch von Stephan Grigat „Die Einsamkeit Israels“ (konkret – Verlag 2014,(http://www.konkret-magazin.de/konkret-texte/texte-archiv/konkret-texte-nr-64.html) versammelt Texte der vergangenen Jahre, in denen er sich kritisch mit Antisemitismus und eben jener aktuell weit verbreiteten Form, dem Hass auf Israel, auseinandersetzt. Insbesondere analysiert das Buch die Bedrohung des jüdischen Staates durch die Atomrüstungspolitik des Iran, beschäftigt sich aber auch mit der Feindbildpflege deutscher Linker und europäischer Rechter gegen Israel.

Der Autor war Mitbegründer der Wiener Gruppe „cafe critique“ und ist aktuell Gastprofessor an der Universität Gießen. 2007 hat er das Bündnis STOP THE BOMB mitbegründet, als dessen wissenschaftlicher Direktor er arbeitet. Seine Doktorarbeit „Fetisch und Freiheit“ beschäftigt sich mit der Aktualität der marxschen Gesellschafts- und Fetischkritik. Grigat ist Herausgeber von „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“ (2012) und Mitherausgeber von „Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur & ihrer europäischen Förderer“ (2008) sowie „Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes & Perspektiven der Freiheitsbewegung“ (2010).

Die Veranstaltung wird unterstützt vom Subbotnik e.V., dem Kulturbüro Chemnitz und der linksjugend Chemnitz.

Samuel Salzborn auf publikative.org (http://www.publikative.org/2015/03/16/das-akademische-karussell-die-einsamkeit-israels/) über das Buch:

„Stephan Grigat hat ein nachdenklich stimmendes Buch geschrieben: „Die Einsamkeit Israels“. Darin geht es, in zahlreichen kürzeren Einzelbeiträgen, um Zionismus und die Geschichte Israels, um Antisemitismus von links und von rechts und um die iranische Bedrohung Israels. Eigentlich geht es aber um die Mischung aus Verzweiflung und Zorn, die die gegenwärtige Haltung vieler Intellektueller aus Politik, Kultur und Wissenschaft auslöst, wenn man diese in antizionistischer Rhetorik antisemitische Stereotype formulieren hört. Stereotype, die mit Israel, seiner Geschichte und vor allem seiner Situierung als nach wie vor einziger Demokratie im Nahen Osten, die sich seit Staatsgründung aufgrund der militärischen und terroristischen Bedrohung notgedrungen im Ausnahmezustand befindet, wenig bis nichts zu tun haben.

Kaum jemand von denen, die sich Israel als Projektionsfläche für ihre antisemitischen Ressentiments suchen, hat sich ernsthaft mit der Geschichte und Politik des Staates befasst, der nicht nur in seiner formalen Strukturierung als Demokratie ein hohes Maß an Ähnlichkeit mit den westlich-republikanischen Modellen aufweist und dabei – etwa mit Blick auf den nach wie vor nicht abgeschlossenen Verfassungsgebungsprozess, bei dem in seiner pluralen Streitbarkeit durch die Implementierung von mehreren Grundgesetzen (den basic laws) in einen zukünftigen Gesamtkorpus möglichst viele Interessen integriert werden sollen – sogar ein höheres Maß an partizipatorischen Elementen integriert, als jene; sondern auch die israelische Gesellschaft ist in einem Maß streitbar, wie dies gerade für Deutschland unvorstellbar ist, noch zumal mit Blick auf die Selbstkritikfähigkeit, wie sie in der israelischen Postzionismusdebatte zum Ausdruck kam.
Dass von palästinensischer Seite eine ähnliche Diskussion geführt würde, zum Beispiel über die mythologische Verklärung der „Nakba“ oder das irrationale Aufrechterhalten eines angeblichen Flüchtlingsstatus über mehrere Generationen, scheint eine Hoffnung, die so unvorstellbar ist, dass sie gar nicht erst formuliert wird.

Israels Weg „von Krieg zu Krieg“, den Grigat beschreibt, mündet aufgrund der antisemitischen Ziele, die Terrororganisationen wie die Hamas konstitutiv verfolgen, immer wieder in einer Situation, in der die Legitimationswahrnehmung international umgedreht wird: wird Israel zwar von den Antisemiten zum „Juden unter den Staaten“ gemacht und fortwährend von islamistischen Terroristen angegriffen, wird der Akt der Selbstverteidigung medial – zumindest in der deutschen Öffentlichkeit – schnell zur Aggression umgedeutet.

Dass eine Demokratie gar keine anderen Wahl hat, als sich gegen Terrorismus zu verteidigen, noch zumal wenn die agierenden Terrororganisationen offen die antisemitische Vernichtung als ihr zentrales Ziel erklärt haben, fällt in der beschleunigten Berichterstattung deutscher Medien oft unter den Tisch – was noch schwerer wiegt, wenn man mit Grigat reflektiert, dass der von westlichen Intellektuellen vorschnell ausgerufene „Arabische Frühling“ schon längst zu einem „islamistischen Herbst“ geworden ist.

Und hier droht Israel, mehr noch als durch die verbalen Delegitimierungsversuche, die Grigat am Beispiel von Jakob Augstein und Judith Butler stellvertretend für linken Antisemitismus und mit Blick auf die ungarische Jobbik-Bewegung und die NPD exemplarisch für rechten Antisemitismus beschreibt, durchaus substanzielle Gefahr, die die internationale „Einsamkeit Israels“ so erschreckend macht: vom Iran. Die Bedrohung Israels durch den Iran und die Fehler westlicher Appeasement-Politik werden von Grigat, der einer der wenigen deutschsprachigen Iran-Experten ist, in drei Beiträgen in dem Band skizziert.“