Antisemitische und (ethno)nationalistische Tendenzen im deutschen Rap

Vortrag und Diskussion von und mit Marius Mocker

17. Januar 2015 / 19:00 / M54

Mit dem Zusammenbruch mehrerer großer Independent-Labels begann im Jahr 2009 eine grundlegende Veränderung der Vertriebs- und Promotionkonzepte in der deutschsprachigen Rap-Landschaft. Durch die Ausbreitung von kostengünstigen HD-Kameras avancierte die Video-Plattform YouTube zum Medium des Straßen- und Gangster-Raps, der bisher weder im Musikfernsehen noch im Radio in nennenswerter Weise vertreten war. Zwar waren diese Genres schon immer von Sexismus, Homophobie und androzentrischen Vorstellungen durchsetzt, Nationalismus und Antisemitismus fanden sich aber meist in deutlich geringerem Maße als heute. Egal ob Sexismus, Verschwörungsideologien, Glorifizierung von Islamist_innen, (Ethno-)Nationalismus oder Judenhass: auf den YouTube-Kanälen der Szene wird nahezu jedes Ressentiment bedient. Gleichzeitig schafften es diverse Künstler aus den Reihen dieser neuen Internet-Stars, ihre hohen Zugriffszahlen bei YouTube auch in kommerzielle Erfolge umzuwandeln. Eine szeneinterne und mediale Thematisierung der von den Rappern verbreiteten Ideologien und Ressentiments bleibt allerdings weiterhin die Ausnahme. Gekennzeichnet sind diese Texte durch zahlreichen Ambivalenzen: Religiöse Statements stehen neben Lobliedern auf Drogenkonsum, antisemitische Projektionen der Zirkulation neben einer Fixierung auf weltliche Güter, und der universelle Gedanke des HipHop wird immer mehr durch (Selbst-)Ethnisierung verdrängt. Der Vortrag versucht, diese Entwicklung in kritischer Absicht anhand einzelner Beispiele nachzuzeichnen, um einen Begriff dieser neuen Ideologie des „Straßenrap“ zu entwickeln, die zwischen Kämpfen um Anerkennung und tradierten Ressentiments entstanden ist.

Marius Mocker ist als freier Referent tätig. Er lebt, arbeitet und studiert in Leipzig. Sowohl im Rahmen diverser Vorträge als auch journalistischer Wortmeldungen befasst er sich mit aktuellen kulturellen und politischen Debatten und Phänomenen.
Die Organisation der Veranstaltung wird durch den Stura der TU Chemnitz und die Rosa Luxemburg Stiftung unterstützt.