Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der NSU – wo hört der Staat auf?

Freitag. 13.09.2013, 19:00, AJZ Chemnitz/M54

Vortrag und Diskussion mit Wolf Wetzel

13 Jahre blieb der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) unentdeckt. Neun Morde wurden begangen, neun Mal verschoben die Behörden verschiedener Bundesländer die Mordhintergründe ins „ausländische Milieu“. Neun Mal will man keine ›heiße Spur‹ gehabt haben. Dennoch legte man alle neun Morde in die Blutspur des „organisierten Verbrechens“.
Nachdem die Existenz des NSU nicht mehr zu leugnen war, reihte sich eine Panne an die andere. Dass in allen Behörden Beweise verschwinden, Akten verheimlicht, Falschaussagen gemacht, ganze Aktenberge geschreddert werden, beweist, dass weder „Behördenwirrwar“ noch „Kommunikationschaos“ herrsch(t)en, sondern der gemeinsame Wille, unter allen Umständen zu verhindern, dass etwas ans Licht kommt, was den bisherigen Erklärungen widersprechen würde.
Ab wie vielen Pannen muss man von einem System sprechen? Wenn über zwei Dutzend V-Männer hervorragende Kontakte zur neonazistischen Organisation „Thüringer Heimatschutz“ und zu den späteren Mitgliedern des NSU hatten, waren staatliche Stellen nicht etwa auf dem ›rechten Auge blind‹, sondern ließen sehenden Auges zu, dass über sieben Jahre hinweg neun Morde begangen werden konnten.
In der Veranstaltung wollen wir über das Verhältnis von staatlichen Stellen und neonazistischen (Terror)Gruppen diskutieren. Dabei muss die Verfasstheit des politischen Systems in der Bundesrepublik in den Blick genommen, also die Frage gestellt werden: „In welchem Staat leben wir, auf welchem Weg befinden wir uns heute?“
Für eine antifaschistische Bewegung wird zu klären sein, welche politischen Konsequenzen aus dem NSU-VS-Komplex zu ziehen sind und warum bisher eigenständige kritische Interventionen weitgehend ausgeblieben sind.
Diese Fragen werden in der Stadt gestellt, in der der Unterschlupf für die abgetauchten Nazis organisiert und abgesichert wurde.

Wolf Wetzel war Autor der ehemaligen autonomen L.U.P.U.S.- Gruppe, die seit 1986 autonome Theorie mit praktischen Fragen des Alltags verband. Veröffentlichungen in diesem Zusammenhang sind u.a. „Doitschstunde – Originalfassung mit autonomen Untertiteln“ im Buch „Metropolen(gedanken) & Revolution?“ (1991), „Geschichte, Rassismus und das Boot – Wessen Kampf gegen welche Verhältnisse“ (1992), „Lichterketten und andere Irrlichter – Texte gegen finstere Zeiten“ (1994) und „Die Hunde bellen…Von A bis (R)Z. Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre“ (2001). 2012 erschien ebenfalls im Unrast-Verlag das Buch „Aufstand in den Städten. Krise, Proteste, Strategien“. Wolf Wetzel publiziert auf seinem Blog „Eyes Wide Shut“ http://wolfwetzel.wordpress.com/.