VA-Reihe: Engagement gegen Apathie? Zynismus gegen Raserei? Zur Kritik des Postnazismus und (Neo-)Faschismus

Knapp ein Jahr nachdem Auffliegen der Naziterrorgruppe NSU verlieren auch aufmerksame Beobachter der Affäre langsam den Überblick über all die Geschichten um Geheimdienstkontakte, geschredderte Akten und über all die Hinweise zu den Verbindungen der Mörderclique. Es herrschen Verblüffung, Empörung und Ohnmacht. Vor allem aber stellt sich die Affäre um die NSU als ein Geflecht dar, dass nur noch Experten durchschauen können.
Die blasse Hoffnung mancher, die mediale Öffentlichkeit, die das Naziproblem angesichts der Mordserie erhält, für die eigene antifaschistische Politik zu nutzen, trügt, das zeigt Chemnitz. Bei der breiten Mehrheit der Bevölkerung der Stadt, in der die Nazis jahrelang untertauchen konnten, herrschen Ignoranz, Verdrängung und offensichtliches Desinteresse. Es gibt zahlreiche Hinweise zu Verbindungen regionaler Nazivertriebsstrukturen zum NSU – das Chemnitzer Nazilabel PC-Records veröffentlichte beispielsweise 2010 einen Song der Band „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ in denen die Mordserie der NSU gefeiert wird – doch regt sich immer noch, wie schon seit Jahren, kein nennenswerter gesellschaftlicher Protest. Die Wahrheit ist: Die demokratisch orientierte Zivilgesellschaft hat abseits von Großevents, die das Image des „weltoffenen Wirtschaftsstandorts Deutschland“ wahren sollen längst ihren Frieden mit der Naziszene und ihrer eigenen Unfähigkeit ihr entgegenzutreten gemacht. Manche sind noch engagiert, durchwandern aufopferungsvoll die prekären Tiefebenen kultureller und politischer Bildungsarbeit, ziehen durch Schulen und versuchen gegen Rassismus, Antisemitismus und über demokratische Chancen aufzuklären. Um das Naziproblem sollen sich mal wieder die „Zuständigen“ kümmern und man will auch ein bisschen Teil davon sein.
Die rassistischen Morde der NSU werden primär nur noch als Problem der Strafverfolgungsbehörden und als Problem des Versagens der Geheimdienste in der Bundesrepublik wahrgenommen, das nun endlich durch bessere Vernetzung der Kommunikation der Zuständigen gelöst wird. Das Aufblühen der Naziszene in Sachsen und Thüringen in den 90er Jahren wird als Resultat der Wirren der Wende verbucht, als insgesamt bedauerlicher aber vielleicht auch notwendiger Betriebsunfall.
Die Flächendeckende Überwachung von Nazigegner*innen in Dresden und das brutale polizeiliche Vorgehen gegen Antifaschist*innen im Jahr 2011 löste einen Schockzustand aus und wurde zu wenig analysiert: In den darauffolgenden Diskussionen wurden Stimmen laut, die die Repression reflexhaft als Beginn einer neuen Faschisierung der Gesellschaft deuteten. Problem dieser Sichtweisen ist, bei allem Recht, den der Kampf gegen staatliche Repression und etablierte Nazistrukturen hat, der fehlende Blick auf die grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnisse, die erst den patriotischen, abgestumpften, achselzuckenden oder zynischen Teilnehmer der deutschen Öffentlichkeit hervorbringen, dessen Haltung der klassischen antifaschistischen Aufklärungspolitik den Boden unter den Füßen wegzieht. Völlig aus dem Blickfeld der deutschen Scholle fallen der grassierende Antisemitismus und Rassismus der rechten Regierung in Ungarn, der Aufstieg faschistischer Parteien in Griechenland. Am gravierendsten: die Drohungen des Iran gegen Israel mit einem dritten Weltkrieg werden in Deutschland von Grass und seinen Fans zur Schuldzuweisung an den Staat der Überlebenden der Shoa umgedreht. Faschismus ist in der eingeschliffenen alltäglichen Sichtweise nur an Mord- und Gewalttaten und politischen Skandalen kenntlich, die gerade eben erst passieren, das Gemüt zum Überkochen bringen, weil sie den lieben Frieden stören und anscheinend im Kontrast zum gesellschaftlichen und politischen Normalalltag stehen. Mit manchem neuen Aufschrei erwacht die Öffentlichkeit noch kurz verdutzt aus ihrem Dämmerzustand, nur um nach kurzer Zeit wieder genüsslich in ihn zu entschwinden. Der Daueralarm kleiner Antifagruppen gegen diesen Halbschlaf ist dabei mehr Arbeitsteilung mit den Schlafwandelnden als ein Widerstand dagegen.
Apathie und Raserei des gesellschaftlichen Mainstreams, cooler Zynismus und heißlaufendes Engagement der linken Subkultur sind jeweils nur kontrastierende Facetten des selben Problems. Die Absurdität der Situation zwingt dazu, sich nochmals zu vergegenwärtigen, mit welchen Deutungen versucht wird, der Realität gerecht zu werden. Herrscht tatsächlich ein friedlicher demokratischer Normalzustand in den allenfalls die Gewalt von geheimdienstlich gesteuerten Nazibanden und staatlich durchgeprügelten Nazidemonstranten störend einfällt? Auch wenn hochgelobte wissenschaftliche Studien immer wieder und zunehmend die hohe Zustimmung für nazistische Positionen in der sogenannten Mitte der Gesellschaft feststellen, bleibt das Bild vom abnormalen Rechtsextremisten die leitende Wahrnehmungsfolie.
Dagegen ist eine Aktualisierung der Diskussion um Faschismus und Nationalsozialismus notwendig. Sie ist so notwendig, wie sie auf den ersten Blick antiquiert erscheint. Gegen Faschismus als Inbegriff von Menschenverachtung sollte doch, so die gängige Meinung, jeder vernünftige Mensch ganz selbstverständlich sein, wenn er schon sonst nicht viel gegen das Elend der Welt auszurichten vermag, in das er täglich verwickelt ist.

Die Veranstaltungsreihe soll diese scheinbare Selbstverständlichkeit des Antifaschismus aufstören, indem sie Kontinuitäten des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft aufzeigt, die politische Instrumentalisierung der Auseinandersetzung mit ihm diskutiert und das Näheverhältnis, das der demokratische Nationalstaat zu seinem rassistischen, antisemitischen und repressiven Widerpart hat, aufzeigt. Wie kann das Problem des hilflosen Antifaschismus, der von Gegenaktivität zu Gegenaktivität, von Enttarnung zu Enttarnung und Schock zu Schock wie der Hase den Igeln hinterher rennt, nicht nur resigniert angeklagt sondern grundlegend verstanden werden? Die aktuell geplanten Vorträge der Veranstaltungsreihe sollen sich mit dem Nachleben des Nationalsozialismus zwischen Berlin und Wien, Budapest und Teheran, dem Verhältnis von bürgerlicher Demokratie, Staat, Nationalismus und Naziideologie und einer Aufklärung über die Ursprünge der faschistischen Ideologie beschäftigen. Die Reihe wird in loser Folge im Jahr 2013 fortgesetzt.

Unterstützung erfährt die Veranstaltungsreihe vom StuRa der TU Chemnitz und vom Rosa Luxemburg Club.

Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert.

Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat
05.10. | 19:00 | TU Chemnitz, Reichenhainer Straße 90, Raum N005

“Der Band Postnazismus revisited versammelt Beiträge, die grundlegende Überlegungen zum Nachleben des Nationalsozialismus in den postfaschistischen Gesellschaften anstellen. Sie setzen sich sowohl mit der modernisierten Vergangenheitspolitik in Deutschland als auch den Erfolgen der FPÖ unter und nach Jörg Haider auseinander. Die Aufsätze beinhalten Gedanken zur Kritik des Postnazismus im Zeitalter des Djihadismus und formulieren eine Kritik am “Islamophobie”-Begriff vor dem Hintergrund der Diskussionen über den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik.
Eine global orientierte Kritik der postnazistischen Konstellation muß konstatieren, daß sich das Zentrum der offenen antisemitischen Agitation nach 1945 von Europa in den arabisch-islamischen Raum verschoben hat. Nachdem die Deutschen und ihre Hilfsvölker nicht nur bewiesen hatten, daß man einen wahnhaft-projektiven Antikapitalismus bis zum industriell betriebenen Massenmord steigern kann, sondern auch, daß man dafür selbst nach der totalen militärischen Niederlage keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, was für eine ungemeine Attraktivität eine derartig pathologische, sowohl mörderische als auch selbstmörderische Krisenlösungsstrategie für antisemitische Massenbewegungen und Banden in anderen Weltregionen haben mußte.”

Wie man Neonazis kritisieren sollte und wie besser nicht. Zum Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus.
Vortrag und Diskussion mit Freerk Huisken
26.11. | 19:30 | Lokomov, Augustusburger Str. 102

Demokraten aus Politik und Öffentlichkeit können Rechtsextremismus und (Neo-)Faschismus nicht kritisieren. Wie sollten sie auch den Nationalismus deutscher Bürger angreifen, wenn diese patriotische Gesinnung für sie doch eine zentrale Produktivkraft ihrer demokratischen Herrschaft darstellt. Dafür grenzen sie den (Neo-)Faschismus aus, kriminalisieren ihn und erörtern erneut das Parteienverbot. Sie veröffentlichen Steckbriefe von den Funktionären und enttarnen Neonazis an ihrer Kleidung, ihren Codes und ihrer Musik. Also ob Bürger nur wissen müssten, wie neue Faschisten aussehen und sich kleiden, um sich von ihnen abzuwenden. Man findet sie zudem ungebildet, dumm, dumpf und versoffen – viel zu sehr unter Niveau, als dass es ihre Parolen verdienten, als politisches Programm ernst genommen zu werden. Das rächt sich.
Mit Kritik lässt sich so etwas nicht verwechseln. Und die bei deutschen Bürgern verbreitete Ausländerfeindlichkeit wird dadurch nun wirklich nicht ausgeräumt. Umgekehrt, die wird von der hiesigen Ausländerpolitik angeleitet und benutzt: Wenn sie regelmäßig verkündet, dass „das Boot voll“ ist, wenn sie „Kinder statt Inder“ fordert, wenn sie zwischen „Ausländern, die uns nützen, und solchen, die uns ausnützen“, unterscheidet und Moslems des Terrorismus verdächtigt, dann bereitet demokratische Politik selbst das Fundament für rechtsextreme Gesinnung.
Mit der immer wieder beschworenen geistigen Auseinandersetzung mit alten und neuen Nazis hat das nichts zu tun; schon gar nichts trägt das zur Klärung der Frage bei, warum deutscher Patriotismus zu Morden an Ausländern führt, wie sie die „Zwickauer Nazi-Zelle“ verübt hat.
Auch die linke Antifa tut sich schwer mit der Kritik am Neo-Faschismus und Rechtsextremismus. Besonders dann, wenn neue Faschisten eine Kritik am Kapitalismus vortragen, fällt vielen Antifaschisten oft nur ein, dass sich hier „Wölfe“ mit „Schafspelzen“ verkleidet hätten. Das ist schlecht. Und wenn nach der Aufdeckung des NSU Teile der Antifa den neuen Antiterrorismus der Demokraten gegen Rechtsextremismus begrüßen, ihn für überfällig erklären, ebenfalls für ein NPD-Verbot plädieren und sich gar als die effektiveren Verfassungsschützer anbieten, weil sie ja nicht auf dem „rechten Auge blind“ wären, dann offenbaren sie sich einmal mehr als die Saubermänner der Nation, die die Demokratie von „braunen Flecken“ reinwaschen wollen.

„Weder links noch rechts?“ – Zeev Sternhells Analyse der faschistischen Ideologie
Vortrag und Diskussion mit Jörg Sundermeier
05.12. | 19:00 | TU Chemnitz (Raum wird noch bekanntgegeben)

„Es gibt in unserem politischen Vokabular nur wenige Begriffe, die sich einer solch umfassenden Beliebtheit wie das Wort Faschismus erfreuen, ebenso aber gibt es nicht viele Konzepte im politischen Vokabular der Gegenwart, die gleichzeitig derart verschwommen und unpräzise umrissen sind.“ Mit diesem Satz leitete der bedeutende israelische Historiker Zeev Sternhell 1976 seinen Aufsatz „Faschistische Ideologie“ ein. Dieser Satz gilt bis heute – insbesondere für Deutschland. Daher nimmt Sternhell in dieser Einführung, die der kleine Berliner Verbrecherverlag 2002 erstmals als Übersetzung vorlegte, eine genaue Bestimmung des Begriffes Faschismus aus seiner historischen und ideologischen Entwicklung heraus vor. Sternheils Untersuchung sieht die Ideologie des Faschismus als eine Synthese dreier Hauptelemente. Antidemokratischer und oft biologisch-deterministischer Nationalismus, die kulturelle Avantgardebewegung des Futurismus und eine revolutionäre Attitüde, die jedoch nicht mehr die Arbeiterklasse sondern die Nation als revolutionäres Subjekt ansah, flössen zu dieser Ideologie zusammen. Zeitgenössischen Betrachtern erschien der Faschismus deshalb auch als dritter Weg, als „ni droite ni gauche“ – als „weder links noch rechts“ – da die faschistische Bewegung scheinbar sowohl mit der alten besitzbürgerlichen und konservativen Rechten als auch mit der alten sozialdemokratischen und marxistischen Linken gebrochen hatte.
„Wie kurz der Weg von der radikalen Linken zum Faschismus war, ist erschreckend, hat aber leider nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Gerade für aktuelle Diskussionen über den Antisemitismus in der Linken, den Antiimperialismus oder die verkürzte Kapitalismuskritik der Antiglobalisierungsbewegung ist die Debatte um den linken Anteil an der Entstehung des historischen Faschismus unumgänglich“, so die Wiener Zeitschrift Ökoli zu Sternhells Buch. Es sei „für all jene Pflichtlektüre, die seiner Analyse nicht in jedem Detail zustimmen, aber in eine Diskussion über die Ideologie des Faschismus einsteigen wollen und sich nicht mit einer Dimitroffschen Le(h)rformel begnügen.“
Für 2013 plant der Verbrecherverlag eine Neuausgabe des vergriffenen Buches. Der Verleger Jörg Sundermeier wird zu dem Text und seine Editionsgeschichte referieren.


5 Antworten auf “VA-Reihe: Engagement gegen Apathie? Zynismus gegen Raserei? Zur Kritik des Postnazismus und (Neo-)Faschismus”


  1. 1 Lorelei 06. Oktober 2012 um 12:39 Uhr

    weder wurde gestern der begriff postnazismus bestimmt, noch irgendetwas dazu, was das für dtl und östereich bedeutet und woher unterschiede und veränderungen kommen. stattdessen lebt antisemitismus nach und kommt immer neu auf die welt und wabert vor allem nach teheran.
    es ging nicht um die kritik des postnazismus sondern nur mal wieder um argumente für stop the bomb. schade. außerdem war es etwas befremdlich, dass grigat immer dann lächelte, als es um massenvernichtung und krasse nazis ging. was war denn da los?

  2. 2 E. A. Voll 11. Oktober 2012 um 14:41 Uhr

    „weder wurde gestern der begriff postnazismus bestimmt, noch irgendetwas dazu, was das für dtl und östereich bedeutet und woher unterschiede und veränderungen kommen.“

    Warst du einer von denen, die erst gegen Ende der Veranstaltung eingetrudelt sind? Nun gut, Grigat hat sich nicht verhalten wie der handelsübliche Dozent. Er hat sich nicht hingestellt und darüber schwadroniert, dass man zur Kritik des Postnazismus zunächst mal den Begriff definieren müsse. Er hat auch nicht, wie in so vielen Fällen üblich, dann die dämliche Frage ans Publikum gegeben, ob es sich unter Postnazismus denn etwas vorstellen könne, um dem einen oder anderen die Möglichkeit zu geben, sich mit der eigenen Unwissenheit oder Ideologie zu blamieren. Und er hat auch vollkommen zu Recht anschließend nicht zum Mitschreiben heruntergerattert, was die wichtigsten Merkmale des Studienobjekts Postnazismus sind. Eine Beschwerde wie die obige kann doch nur von Leuten kommen, die schon derart durch den universitären oder schulischen Betrieb verblendet sind, dass Ihnen ein Inhalt, der sich nicht ins übliche methodische Korsett presst, überhaupt kein Inhalt mehr zu sein scheint. Oder eben von solchen, denen es darum geht, Antisemitismus herunterzuspielen und – mit billigen Tricks – Israel zu delegitimieren, was angesichts der politischen Realitäten nichts als antisemitische Propaganda ist.

    Worum es sich bei der Kritik des Postnazismus dreht, steht doch schon im Untertitel des von Grigat herausgegebenen Sammelbandes: Es geht um die kritische Auseinandersetzung mit dem Nachleben des Nationalsozialismus. Wie dieses Nachleben in Deutschland, Österreich und in internationaler Konstellation ausgesehen hat und aussieht, darum drehte sich Grigats ganze Rede.

    Da ging es um ehemalige und nicht ganz ehemalige Nazis (Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Günter Grass), ihr Agieren im „Rechtsnachfolger des Dritten Reiches“ und ihre „Kritik“ an Israel. Es ging um deutsche Erinnerungspolitik („Erfolgsgeschichte Holocaustmahnmal“, „Vergangenheitsbewirtschaftung“). Es ging um die grotesk anmutenden Beziehungen zwischen Deutschland und Israel (Jugendaustausch und deutsche Uboote als Freifahrtschein in der internationalen Politik). Es ging um den Bruch der offiziellen postnazistischen politischen Realität in Deutschland durch die Resolution gegen das Vorgehen der IDF gegen die Gaza-Flottille 2010. Es ging um den Antizionismus/Antisemitismus (deutscher) Wutbürger uswusf.

    Auch wurden die Unterschiede zwischen der Entwicklung in Deutschland und Österreich doch an mehreren Stellen explizit besprochen. Beispielsweise dahingehend, dass es in Deutschland eine „tüchtige“ Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gab und gibt, die vorbildhaft sein soll und als Legitimation deutscher Politik, sowie Aushängeschild deutscher Kompetenz in „Völkerrechtsfragen“ dient, während die Instrumentalisierung der „Vergangenheitsbewältigung“ in Österreich der klassischen Schuldabwehr längst noch nicht gewichen ist und auch nicht weichen soll. Weiterhin ging es darum, dass Deutschland zumindest unter dem Deckmantel der Solidarität mit Israel operieren muss und Österreich ohne diesen „Ballast“ internationale Politik betreiben darf. Darüber hinaus sagte Grigat was zu den Unterschieden der gegenwärtigen politischen Realität in Deutschland und Österreich, wo die FPÖ eine gewichtige politische Kraft mit erschreckenden Wahlerfolgen ist, die auch im Bundesparlament sitzt.

    Wer dann daherkommt und allen Ernstes meint behaupten zu müssen, dass nichts dazu gesagt worden sei, was Postnazismus ist und „was das für dtl und östereich bedeutet und woher unterschiede und veränderungen kommen“, der ist ein mieser Lügner, dem es mit dieser dummdreisten Fragerei auch überhaupt um keinen Erkenntnisgewinn geht – dann wäre nämlich eine Frage zum Inhalt gefallen –, sondern lediglich um eine möglichst wenig geistige Arbeit kostende Diskreditierung einer Kritik an den Verhältnissen.

    Einzig zu beklagen wäre doch, dass es trotz der vielen aussagekräftigen Fakten, eben nichts Neues war, was Grigat da erzählte. Aber was soll man auch ständig großartig Neues zum immergleichen Falschen zu sagen haben? Wenn es nach wie vor Leute gibt, die bspw. behaupten, Israels militärische Aktionen seien „völkerrechtswidrig“, muss man eben nochmal sagen, dass das Unsinn ist, dass schon der Bezug auf „Völkerrecht“ – das im nicht-deutschen Sprachraum vorzugsweise „international law“ heißt – einigermaßen blödsinnig ist usw.

    „stattdessen lebt antisemitismus nach und kommt immer neu auf die welt und wabert vor allem nach teheran.“

    Wieso „stattdessen“? Ist nicht Antisemitismus das Kernideologem nationalsozialistischer Ideologie? Nationalsozialistisches Denken ist doch ohne eine Kritik des Antisemitismus überhaupt nicht verstehbar. Dass Antisemitismus nicht – wie hier suggeriert wird – irgendwie immer wieder auf die Welt kommt, sondern ganz konkrete Wurzeln in einem anti-aufklärerischen Denken und projektiven Wahn hat und auch nicht „nach Teheran wabert“, sondern von der Islamischen Republik Iran offen propagiert wird, sollte anhand von Grigats Ausführungen doch nur zu deutlich geworden sein.

    „es ging nicht um die kritik des postnazismus sondern nur mal wieder um argumente für stop the bomb.“

    Der Witz ist eben der: Die Kritik des Postnazismus liefert ja gerade Argumente für Stop the Bomb. Der Einwand ist mithin völliger Unsinn und zielt doch auch wieder nur darauf, eine Kampagne gegen den Iran zu diskreditieren. Es ist unsäglich.

    „außerdem war es etwas befremdlich, dass grigat immer dann lächelte, als es um massenvernichtung und krasse nazis ging. was war denn da los?“

    Ich weiß es nicht und mir ist auch nichts derartiges aufgefallen. Aber du hast sicher einen Bekannten, der das auch für andere öffentliche Auftritte von Grigat bestätigen kann, noch dazu Jude ist und das für eine Ungeheuerlichkeit hält.

  3. 3 Lorelei 11. Oktober 2012 um 17:00 Uhr

    „Dass Antisemitismus nicht – wie hier suggeriert wird – irgendwie immer wieder auf die Welt kommt, sondern ganz konkrete Wurzeln in einem anti-aufklärerischen Denken und projektiven Wahn hat…“

    vielleicht teile ich einfach nicht deine ansicht das „wurzeln“ des antisemitismus im denken und im wahn zu suchen sind. das ist etwas zu tautologisch. deshalb habe ich geschrieben: „kommt immer neu auf die welt“. wenn es mir auch nicht um eine positivistische begriffsbestimmung oder „theorie“ geht, so hätte ich mir einen einblick in die materielle verfasstheit der post-ns-gesellschaften/staaten gewünscht. sonst wird nichts erklärt sondern schlicht politik gemacht.

  4. 4 E. A. Voll 13. Oktober 2012 um 12:32 Uhr

    Nun gut, Antisemitismus entsteht nicht im luftleeren Raum. Und es ist in der Tat keine Erklärung, wenn man sagt, projektiver Wahn komme eben von projektivem Wahn. Er entsteht in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen. Dem modernen Antisemitismus liegt offenbar in der Hauptsache ein verkürzter Antikapitalismus zu Grunde, der darin besteht, die abstrakte Seite des Kapitals als von der konkreten abspaltbar zu begreifen und sie mit dem Juden zu identifizieren, sie in den Juden als Gegenrasse zu biologisieren. Das führt dahin, dass die weltweite abstrakte Herrschaft des Kapitals mit all ihren verheerenden Folgen – die eben gerade keine Willkürherrschaft bestimmter Personenkreise ist – als jüdische Weltverschwörung vorgestellt wird. Logischer Endpunkt einer solchen Ideologie ist die Vernichtung der als Gegenrasse begriffenen Menschengruppe. Da gibt es ja durchaus Parallelen zur Wahnvorstellung vom schuldigen einen Prozent, das vermeintlich die Hauptverantwortung für die neuerliche Krise der kapitalistischen Gesellschaft trägt.

    Warum sich dieser ganze Irrsinn in der Geschichte gerade an den europäischen Juden vollzogen hat, erklärt bspw. Moishe Postone in seinem Aufsatz „Antisemitismus und Nationalsozialismus“. Da wird, grob gesagt, herausgearbeitet, dass die antijüdische Revolte der Nazis nicht als ein verkürzter Antikapitalismus im engeren Sinne begriffen, also ökonomistisch reduziert werden darf. Vielmehr handle es sich um eine Revolte gegen das mit den Juden identifizierte Abstrakte überhaupt, also eine ebenso antibürgerliche Revolte. Schließlich verkörperten die europäischen Juden wie keine andere gesellschaftliche Gruppe die abstrakte Seite der bürgerlichen Gesellschaft, das aber eben nicht aufgrund irgendwelcher biologischer Ursachen. Zur abstrakten Seite der bürgerlichen Gesellschaft gehört bspw. der Rechtsstaat oder der Staat überhaupt. So ist es nicht erstaunlich, dass Franz L. Neumann in seiner Analyse des NS („Behemoth“) konstatiert, es habe sich da um einen „Unstaat“ gehandelt, also ein System, in dem politische Entscheidungen nicht durch eine zentrale Gewalt und nicht nach einem festen Regelwerk getroffen wurden, sondern eines konkurrierender Banden (Rackets), indem eben alles davon abhing, wer im gegenseitigen wortwörtlichen Hauen und Stechen (temporär) die Oberhand behielt. Da gibt es – wie Grigat angesprochen hat – offenbar Ähnlichkeiten zum heutigen Iran.

    Was in Bezug auf die „materielle Verfasstheit“ der postnazistischen Gesellschaften Deutschlands und Österreichs zunächst einmal augenfällig ist, ist der Fakt, dass es sich weiterhin um kapitalistisch und nationalstaatlich verfasste Gesellschaften handelt. Das nationalsozialistische Krisenlösungsmodell der negativen Aufhebung des Kapitals auf seiner eigenen Grundlage bleibt also zumindest eine Denkmöglichkeit. Nun sind bspw. die USA und Israel auch kapitalistische Nationalstaaten. Da muss es also noch weitergehende Spezifika geben. Denen dürfte man ganz gut auf die Spur kommen, wenn man sich an das hält, was ich oben zu Postone geschrieben habe und sich überlegt, wie sich Nation in den jeweiligen Staaten/Gesellschaften konstituiert (hat). Dabei wird man sehr wahrscheinlich feststellen, dass es – so befremdlich das auch klingen mag – „Nationen der Vernunft“ und „Nationen der Unvernunft“ gibt. Wozu Deutschland gehört, dürfte ja klar sein.

    Noch ein Nachtrag: Es kann bei der Beantwortung der Frage nach der Verfasstheit von Gesellschaften, in denen bspw. Antisemitismus entsteht, allerdings nicht darum gehen, den Antisemitismus als notwendige Folge bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse verstehen zu wollen. Dadurch würde die individuelle Verantwortung von Antisemiten negiert und die Sache entschuldbar gemacht. Es wird aber eben niemand dazu gezwungen, Antisemit zu werden. Man muss sich an einer bestimmten Stelle schon dafür entscheiden. Das heißt wiederum nicht, dass die ganze Sache aus heiterem Himmel geschieht. Kurzum: Man sollte sich davor hüten, hier in einen Determinismus zu verfallen, ohne dabei gleich auf die Seite eines Voluntarismus zu kippen, also: dialektisches Denken an den Tag legen.

  1. 1 contradictio.de » Veranstaltungen » 26.11.12 | Chemnitz | Wie man Neonazis kritisieren sollte und wie besser nicht. Zum Elend der Kritik am (Neo-)Faschismus Pingback am 15. Oktober 2012 um 7:39 Uhr
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