Play with Fire. Veranstaltungsreihe zu Regression und Repolitisierung in Pop- und Subkulturen

Es ist der letzte Donnerstag im Monat im AJZ. Eine Entscheidung, die bis auf diesen letzten Drücker verschoben wurde – wichtiger waren bis dahin Fragen des Gaststättengesetzes, Kürzungsrunden der Fördermittel und nicht zuletzt die Abdeckung des laufenden Betriebs – steht an: Machen wir die Band XYZ? Denn die vertritt sexistische und chauvinistische Positionen. Und sie hat sich bei Facebook mit Nazis ablichten lassen. Es folgt eine heftige Diskussion.

“Die Vorfälle sind lange her.” “Aber distanziert hat sich die Band nicht.” “Wenn wir bei denen anfangen, können wir auch UVW nicht mehr hier auftreten lassen.” “Aber wo bleibt die Konsequenz? Wenns so weitergeht sind wir bald nur noch Gast im eigenen Club.” “In der Szene wo die Band unterwegs ist, gehören solche Äußerungen eben dazu, außerdem sind die ironisch gemeint.” “Hier an der Stelle muss ein Strich gezogen und sich klar positioniert werden.” “Ein Auftritt der Band macht aber das Haus voll.” “Wenn die hier spielen, bin ich raus.”

Nicht nur im AJZ werden die Auseinandersetzungen um musikalische Inhalte wieder hitziger geführt. Geht es z.B. um die Kritik an Rassismus und Sexismus in der Popkultur stoßen in der Regel zwei Positionen aufeinander. Auf der einen Seite steht die, die der jeweiligen Jugend- bzw. Subkultur einen besonderen Eigenwert zumisst, deren Praktiken als schützens- und verteidigenswert erklärt und Kritik mit dem Vorwurf der Inkompetenz an die jeweiligen Kritiker_innen zurückweist. Auf der anderen Seite steht eine Position, die allgemeine menschliche Rechte und Werte fordert und verteidigt und an die Künstler_innen den Anspruch heranträgt, diese zu artikulieren und zu verwirklichen. Ein prominentes Beispiel: ein kleines spitzes Statement wie das des Rappers Casper und der Band Kraftklub gegen die nationalistische Band Frei.Wild bei der “Echo”-Verleihung der ARD wurde von Frei.Wild wie das Eindringen von Feinden in ihr kulturelles Revier behandelt. Die Reaktionen von Frei.Wild – Fans gegen Casper und Kraftklub enthielten selten explizit rassistische oder nationalistische Äußerungen aber häufig das Argument, dass es sich doch nur um Rockmusik handele, in der politische Debatten nichts verloren hätten. Die sorgten doch nur für sinnlosen Zwist.

Rock- und Popmusik kam nach 1945 eine spezielle Rolle zu. Sie wurde als allgemeiner Ausdruck von Freiheit und Individualismus verstanden, sie war Soundtrack der politischen Proteste der 60er Jahre, Symbol für westlichen Universalismus gegen nationalen und provinziellen Partikularismus. Die darauf einsetzende Differenzierung der Popkultur und die Polarität von Mainstream und Untergrund markierte den Übergang zum Konflikt zwischen populärer Konsenkultur und kontroversen Sub- und Gegenkulturen. Die emanzipatorische Selbstgewissheit, mit einer Position gegen die Massenkultur fortschrittliche Werte zu vertreten, ist schrittweise um so mehr geschwunden, je mehr eine erklärte demokratische Haltung, die Ablehnung von Diskriminierung, Toleranz, Offenheit, Vielfalt auch als Ideale innerhalb des gesellschaftlichen Mehrheitsdiskurses auftauchen.
Rebellisches Außenseitertum gehört mindestens seit James Dean zum Standartrepertoire jugendkultureller Äußerungen. Vor dem Hintergrund der akuten wirtschaftlichen Krise steht die Revolte auch aktuell hoch im Kurs. Revoltiert wird allerdings (auch) gegen Individualismus, gegen political correctness – der sexistische Diss erlaubt identitäre Geländegewinne. Subkulturelle Haltungen sind nicht automatisch emanzipatorischer Protest. Die Entwicklung einer offen nationalsozialistisch auftretenden Subkulturströmung sowie nazistischer Stilelemente und Inhalte in unterschiedlichsten Musikrichtungen sind das krasseste Indiz. Die Verweigerung die eigene gesellschaftliche Verantwortung anzuerkennen, unter dem Banner “unpolitisch” zu sein, ist ein weiteres.

Die Vortragsreihe will die historische Entwicklung und das veränderte Verhältnis von Sub- zu Popkulturen sowie die Auseinandersetzung um Rassismus, Sexismus, Homophobie und Nationalismus in der Popkultur behandeln. Sie will damit den Diskussionsprozess von an und in Kultur Engagierten vorantreiben und die Frage stellen: Welchen Soundtrack hat die gegenwärtige Krise und ist dieser hörbar?

Freitag 17. August 2012, 19 Uhr, M54 im AJZ
Exile on Main Street – Vom Spektakel zum Debakel. Pop und Punk und Politik als Problem
Vortrag und Diskussion mit Roger Behrens (Freibad-/Hallenbaduniversität Hamburg)

Ein paar Fragen: Was macht eigentlich den Pop politisch? Und wann oder warum? War Punk politisch, Pop aber nicht? Oder ist Punk einfach nur politischer als Pop? Oder politisch korrekter, oder wenigstens politisch glaubwürdiger? Oder wurde Punk erst politisch als Pop? Ist die Politik des Pop eine andere Politik? Oder hat der Pop – zum Beispiel mit dem Punk – das, was heute Politik genannt wird, überhaupt erst hervorgebracht? Gibt es Pop, der nicht politisch ist? Und gibt es noch Politik, die nicht auch Pop ist, irgendwie? Schließlich: Sind das wichtige Fragen, wenn es um die Entscheidung geht, bestimmte Bands gut zu finden, und das was sie »sagen« (also singen, mit ihrer Musik thematisieren, wo sie stehen etc.) richtig? Oder sind die Fragen nicht ziemlich belanglos, gleichgültig, uninteressant, wo es doch eigentlich um anderes geht? – Mögliche Antworten auf diese Fragen stellt der Vortrag zur Diskussion: in historisch-kritischen Exkursen über Sinn und Unsinn von subversiven Strategien (Subkulturen) in der verwalteten Welt (Kapitalismus).

Freitag 14. September 2012, 19 Uhr, M54 im AJZ
Paint It Black – Subkulturelle Farbenlehre: Die Grauzone

Vortrag und Diskussion mit Michael Weiß (antifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum e.v. Berlin)

Immerhin: “Gegen Nazis” sind viele, die sich in Subkulturen oder in der Populärkultur bewegen – Frei.Wild-Fans auf der Fußball-Fanmeile oder OI-AnhängerInnen, die Politik sowieso ablehnen. Doch jenseits der White-Power-Rock-Musik etablieren sich rechte Lebenswelten, für die die Kategorie “Nazis” genauso wenig zutrifft wie das Label “unpolitisch”. Sie sind irgendwo dazwischen, in der Grauzone. Diese Grauzone reicht weit hinein in “alternative” Szenen und bedeutet einen zunehmenden Raumverlust für linke, emanzipatorische Ideen.
Die Veranstaltung wird den folgenden Fragen nachgehen: Wo beginnt die Grauzone, wo hört sie auf? Wieso erlebt sie heute Dynamik? Und was sind eigentliche “rechte Lebenswelten”? Entsprechende Strömungen im Punk und OI sind ebenso Thema wie die Popkultur von Böhse Onkelz und Frei.Wild. Zum Einen wird aufgezeigt, wie eng KünsterInnen aus der Grauzone mit extrem rechten Milieus verwoben sind. Zum Anderen gibt es unappetitliche Einblicke in reaktionäre Männerwelten, spießbürgerliche Sehnsüchte und konservative Wertvorstellungen, die in Bildzeitungs-Leserbriefen oder auf Ballermann-Partys wahrlich besser aufgehoben wären als in links codierten Szenen.

Freitag 12. Oktober 2012, 19 Uhr, Weltecho Annaberger Straße
19th Nervous Breakdown – Deutschpop, halt’s Maul! Für eine Ästhetik der Verkrampfung

Vortrag und Diskussion mit Frank Apunkt Schneider (Künstlerkollektiv monochrom, Bamberg)

Popkultur war vielleicht das wichtigste Reeducation-Programm, das die Alliierten auflegten. Sie überschrieb deutsche Kultur und entfremdete die Kids von Scholle und Volksgemeinschaft. Popmusik auf Deutsch war daher lange Zeit undenkbar. Erst mit Punk entstanden deutsche Texte, die sich zur Kolonialisiertheit durch Pop bekannten. Und als aus der guten alten BRD wieder hässliches neues Deutschland geworden war, verstärkten Bands wie Kolossale Jugend oder die frühen Blumfeld (nicht zu verwechseln mit den späten) die Dissonanzen. Ihre Sperrigkeit war eine Abfuhr ans neu verordnete Wir-Gefühl. Aber in ihrem Windschatten entstand eine neue Generation, die endlich ganz unverkrampft deutsch singen wollte. Tomte, Kettcar oder Klee sangen (noch…) nicht für Deutschland, aber ihr kleinbürgerlicher Gemütsindiepop passt gut zum Entkrampfungsbefehl der Berliner Republik.
An das, was dafür aufgegeben wurde, will der Vortrag erinnern, indem er vom »Fremdwerden in der eigenen Sprache« (NDW) erzählt, von der Materialästhetik der Verkrampfung (Hamburger Schule), von der unglaublich seltsamen Unmöglichkeit deutscher Popaffirmation (Schlager) und natürlich von der Hässlichkeit des Unverkrampften.

Samstag 10. November 2012, 19 Uhr, M54 im AJZ
Street Fighting Man – HC-Punk zwischen Rollback und neonazistischer Adaption.

Vortrag und Diskussion mit Ingo Taler (Referent des Antirassistischen Bildungsforum Rheinland ABR)

In seinem gleichnamigen Buch zeichnet Ingo Taler reaktionäre Tendenzen im Hardcore nach. Die ursprünglich als eine linke politische Abgrenzung zum Punk entstandene Hardcoreszene bietet eine Reihe von Anknüpfungspunkten, die in der Konsequenz neonazistischen Akteuren einen Einstieg und eine Etablierung in dieser Subkultur ermöglichen. Hass, Patriotismus, Gewalt, Recht des Stärkeren, Rassismus, Homophobie und Sexismus begleiten Hardcore nahezu von Beginn an. Die Akzeptanz solcher Symbolik und Inhalte wurde durch die Ausdifferenzierung der HC-Punk-Szene in den 80er-Jahren und kommerzielle Interessen begünstigt und ersetzte Kritik durch Ressentiment. Antifaschistische Interventionen wie heute unter dem Begriff der Grauzone blieben weitgehend aus. Im Gegenteil: Image, Symbolik und Attitüde des „Tough Guy”-Rebellen, die Inszenierung von Männlichkeit, Volksideologie und damit das konservative, reaktionäre Gedankengut wurden von wichtigen Szeneprotagonisten und Labels als Äußerungen einer Subkultur verteidigt und schlimmer noch in den 1990er Jahren in den alternativen Jugendzentren als antifaschistischer Soundtrack präsentiert.

Samstag 1. Dezember 2012, 19 Uhr, M54 im AJZ
Heart Of Stone – Sexismus und Homophobie im Hip Hop

Vortrag und Diskussion mit Sookee (Quing of Berlin)

Homophobe und frauenfeindliche Strukturen sind durch die Imagebildung strukturell im Rap verankert. “Penetrieren oder penetriert werden” laute die binäre Gegenüberstellung, so Sookee. Klar, was besser ist: Die Rap-Szene ist deutlich männlich dominiert. Sie ist damit ein Raum des Wettbewerbs unter Männern und der Herstellung von Männlichkeit. Hier wird ausgefochten welcher Mann über anderen Männern steht, die “natürliche” Überlegenheit gegenüber Frauen vorausgesetzt. Die eigene Aufwertung wird über den Diss, die Abwertung des anderen als “schwul” bzw. als “schwule Fotze” versucht. Die Erfolge basieren auf der Akzeptanz von sexistischen und homophoben Aussagen innerhalb der Gesellschaft. Wenn Bushido der Bambi-Preis verliehen wird und wenn Sido durch die Talkshows tingelt, werden deren sexistische Realitäten in der Gesellschaft etabliert. Versuche solche Protagonisten kritisch zu begleiten, wollen meist Sozialverträglichkeit und Zugeständnisse an die kommerzielle Vermarktung der Rapper unter einen Hut bringen. Aber es gibt in der Szene Widerstand gegen homophobe und sexistische Stereotype, auch diese werden zur Sprache kommen. Bonbon: Im Anschluss an die Veranstaltung tritt Sookee im St. Etienne auf.

Samstag 8. Dezember 2012, 19 Uhr, Lokomov Augustusburger Straße
Sympathy for the Devil – Zum kommenden Aufstand

Diskussion mit Robert Feustel (Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig) und Daniel Kulla (classless.org)

“Der kommende Aufstand” des Unsichtbaren Komitees ließ im letzten Jahr das Feuilleton fiebern. Das Kommunique sei das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit, so die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Robert Feustel wird beleuchten, dass die emotional aufgeladene Romantisierung der Revolte an einen älteren Text der gleichen Gruppe, “Kybernetik und Revolte” anknüpft. Dort werden die zeitgenössischen Demokratien als Spätgeburt einer „kybernetischen Hypothese“ kritisiert. Demokratie sei nicht mehr der bestmögliche Rahmen für Freiheit, sondern nur noch der irreführende Name für eine Ordnungsmaschine, eine geregelte Feedbackschleife, die den kapitalistischen Status Quo erhalten soll. Worauf berufen sich die Schreiber_innen, wenn sie eine längst vergessene Wissenschaftseuphorie, die Kybernetik, für den problematischen Stand der Dinge haftbar machen?
Daniel Kulla wird diskutieren, was aus Thesen des unsichtbaren Komittees für Pop- und Subkulturen herauszuziehen ist. Pop bildet eine Art Luxusschmuck, mit dem sich das System während der ungemütlichen Umwälzungen der vergangenen Jahre als kulturell überlegen und freizügig präsentieren konnte. Pop könnte aber genausogut eine – wie auch immer verbreitete – Unzufriedenheit treffen. Kulla plädiert für Pop als aufständige Assoziation – für die Option zu kämpfen. Welchen Soundtrack hat der kommende Aufstand?

Eine Veranstaltungsreihe des Alternativen Jugendzentrums und des Bildungskollektivs Chemnitz in Kooperation mit Weltecho und lokomov.

Gefördert durch die Stadt Chemnitz im Rahmen des Lokalen Aktionsplanes Chemnitz.


7 Antworten auf “Play with Fire. Veranstaltungsreihe zu Regression und Repolitisierung in Pop- und Subkulturen”


  1. 1 Carl G. Bronsen 11. August 2012 um 13:09 Uhr
  2. 2 Traufom 15. August 2012 um 23:09 Uhr

    Ohne jetzt blind Partei für Frei.Wild zu ergreifen, (sie sind durchaus Künstler, die mit Vorsicht zu genießen sind) meine ich, dass der Begriff „nationalistisch“ so nicht zutrifft. Meine Kritik basiert eher auf der Vergangenheit mancher Mitglieder, als auf dem aktuellen Liedgut. Was ich eigentlich sagen will, ist, dass meiner Meinung nach bei solch einem Liedgut ausnahmslos sowohl auf die gegenwärtige als auch historische Lage der besungenen Region Bezug genommen werden sollte. Ich verweise jetzt gewiss nicht auf etwas, was einmal geschah, (wobei man auch den historischen Kontext beachten sollte, da dieser im Falle Südtirols sicherlich auch die Gegenwart prägt/e) sondern auf die Hintergründe der Gegenwart. Ich sehe explizite Differenzen zwischer einer Minorität und einem normalen Staat. An dieser Stelle würde ich auch auf keinen Fall Paralellen zu Deutschland zieht, da es meines Erachtens nicht korrekt wäre. Viel mehr würde ich die Lage mit Basken, (fernab des ETA-Terrors gibt es noch, wie die Medien sie titulieren, linke Patrioten) den alten Iren, den Kurden usw. vergleichen. Ich behaupte, dass Südtirol-Patriotismus etwas Anderes ist und für etwas steht, als es etwas der chauvinistische Nationalismus in Deutschland ist/tut. Auch das links/rechts-Verständnis ist etwas differenzierter und aus bundesdeutscher Sicht kaum erfassbar! Da ich gerne übertreibe, sage ich, dass der Patriotismus einer Minderheit (auch wenn er etwas überzogen ist) mit einem Freiheitskampf verbunden ist. Womit ich nicht impliziere, dass alle Südtiroler eine Abspaltung von Italien fordern, (Das machen auch Frei.Wild nicht, viel mehr bekundet der Sänger sich als „italienischer Staatsbürger deutscher Muttersprache“ zu fühlen. Quelle=Mailverkehr mit Johannes Radke) sondern dass viele Südtiroler sich bewusst als Südtiroler deklarieren und sich nie als Italiener bezeichnen würden. Eben jene legen auch großen Wert auf die Erhaltung der Sprache, Kultur etc.. Ich mache auch die Südtiroler-Mentalität, eben jene die von FW transportiert wird, dafür verantwortlich, dass diese Region trotz all der brutalen Itilianisierungsversuchen der italienischen Faschisten immer noch deart agiert. Ich würde das etwas differenzierter beobachten!
    Beste Grüße!

    P.s.: Selbst Minoritätsnationalismus müsste anders behandelt werden als Majoraritätsnationalismus

  3. 3 Karl G. Alt 18. August 2012 um 8:28 Uhr

    Apropos Prodomo über Kulla (und Torsun):

    http://www.classless.org/2012/03/08/da-wo-man-singt/

  4. 4 E. A. Voll 08. September 2012 um 13:06 Uhr

    Zunächst einmal möchte ich an dieser Stelle meiner Enttäuschung darüber Ausdruck verleihen, dass sich auch nach Wochen hier offenbar weder jemand vom bk noch von den Veranstaltern der Vortragsreihe dazu genötigt fühlt, auf den Unsinn, der da oben steht, kritisch zu reagieren. Stattdessen bleibt’s einfach so stehen. Das ist wirklich arm.

    @Trauform:

    „Ohne jetzt blind Partei für Frei.Wild zu ergreifen…“

    In der Tat ist dein Kommentar ein halbwegs geschickter Versuch der Parteinahme. Da wird durch die Verlagerung der Debatte auf allgemeine politische Fragen und deren mehr oder weniger ausgeführte Beantwortung mit gesellschaftlichen Gemeinplätzen eben eine Grauzone konstruiert, an deren Kritik man im Kulturbetrieb regelmäßig scheitert, weil die Kulturtreibenden von radikaler Gesellschaftskritik allzu oft keine Ahnung haben. Da wird dann notwendigerweise alle Nase lang vor dem Dogma der Toleranz gegenüber subkultureller weirdness jedweder Couleur kapituliert. Denn dass die Meinungsfreiheit als höchstes Gut zu achten ist, hat man schließlich schon in der Schule oder im Zuge der friedlichen „Revolution“ von 1989 gelernt.

    Wer sich erlaubt, diesen Popanz nicht mitzumachen, indem er vor dem ungeschriebenen Kritikverbot gegenüber einer kulturellen Nebelregion nicht halt macht, wird dann zumeist mit fadenscheinigen Argumenten zu erledigen versucht: Dieser oder jener Quatsch gehöre nun einmal zu einer bestimmten Subkultur dazu. Man könne die ganze Sache nur verstehen, wenn man selbst dazugehöre – sich also mit dem Gegenstand der Kritik identifiziere, was einfach jede Kritik erledigt – oder sich zumindest ganz genau mit der jeweiligen Band, der Szene oder dem „historischen Hintergrund“ auseinandergesetzt habe. Da wird also zunächst einmal das Selbstopfer des Kritikers eingefordert, der einen Teil seiner Lebenszeit mit dem peniblen Studium irgendwelcher subkultureller Belanglosigkeiten (Todesumstände, Originalbesetzungen, Interpretation geschmackloser Texte ohne und Geist, Gewitztheit, Poesie) vergeuden und sich dabei halb zu Tode langweilen soll, eher er ernstgenommen wird. Der Fehler vieler eigentlich vernünftiger Kritiker ist, sich auf diesen Klamauk auch noch einzulassen, um dann immer wieder die Erfahrung zu machen, dass die Binsenweisheit „Don‘t argue with an idiot, he‘ll darg you down to his level and beat you with expierience.“ schon ihre Wahrheit hat.

    Bei deiner ganzen Argumentation fällt einem schon mal rein begrifflich eines auf. Immer wenn sich positiv auf Nationalismus bezogen wird, dann ist vom Patriotismus oder zumindest vom Minoritätennationalismus die Rede. Ansonsten heißt’s Nationalismus, Nationalismus der Mehrheit oder chauvinistischer Nationalismus. Das erinnert ein wenig an die Rede vom Casino- oder Raubtierkapitalismus. Da wird offensichtlich der Versuch unternommen, eher formale Unterschiede schon einmal vorbereitend zu wesentlichen inhaltlichen Unterschieden zu verklären oder eben einfach wesentliche inhaltliche Differenzen zu behaupten, wo keine sind. So kommt man zu der Auffassung, ein gewaltfreier Minderheitennationalismus müsse „anders behandelt werden“, also auch anders kritisiert werden, als ein dem Wesen nach gewaltvoller Nationalismus der Mehrheit. Es ist aber ein und dieselbe Suppe.

    Um zu sehen, dass Patriotismus nur ein anderes Wort für Nationalismus ist, dass einfach weniger martialisch klingt, genügen die ersten Zeilen irgendeines Lexikonartikels zu diesem Begriff. Da wird schon klar: Der Patriotismus ist eine nationale Ideologie, ein nationaler Ismus, also Nationalismus, eine Gemeinwesenideologie, die sich als „Vaterlandsliebe“ an einem bestimmten Landstrich (mit dem ganzen Rattenschwanz von „Land und Leuten“) festmacht. Als Kategorien einer inhaltlichen Kritik taugen die Mitgliederzahlen irgendeiner patriotischen Gemeinde da genauso wenig wie die Frage, ob der jeweiligen „Vaterlandsliebe“ nun friedlich oder mit Gewalt Ausdruck verliehen wird.

    Dann wird versucht, den Minoritätennationalismus mit dem Argument besserzustellen, er sei stets mit einem Freiheitskampf verbunden, sei also Befreiungsnationalismus. Außerdem müssten doch einmal die expliziten Differenzen zwischen dem Nationalismus einer Minderheit und dem eines Staates beachtet werden. Minoritätennationalismus wird hier als ein Kampf für „Freiheit“ irgendwelcher NGOs einem Nationalismus als unterdrückerische Staatsideologie gegenübergestellt. Als Beispiele für den scheinbar ehrbaren Nationalismus ersterer Ausprägung werden dann Basken, Kurden, alte Iren und schließlich Südtiroler bemüht. Man möchte fast noch die Hamas dazuschreiben.

    Hier sollte man sich ernstlich einmal fragen, auf welche Art „Freiheit“ die jeweiligen Nationalismen hinaus wollen.
    Da muss man erstmal konstatieren: Weder ein völkischer noch ein bürgerlicher Nationalismus ist überhaupt in der Lage, Freiheit in dem Sinne zu verwirklichen, dass die Individuen aus sozialen und politischen Zwangsverhältnissen sich emanzipieren und ohne Angst verschieden sein können. Der völkische Nationalismus kennt überhaupt keine Freiheit, außer die Vernunftfreiheit und der bürgerliche kennt die Freiheit nur als Rechtstitel, endlich als Privateigentum. Mit der Unterscheidung zwischen dem Nationalismus einer NGO als tendenziell emanzipatorisch und dem eines Staates oder „Staatsvolks“ als tendenziell unterdrückerisch ist da jedenfalls nichts anzufangen. Der Unterschied zwischen Staat und NGO liegt lediglich im Besitz des Gewaltmonopols. Die einen haben es und die andern wollen es beschneiden oder beanspruchen es ganz für sich.

    Um zu versichern, dass es der gewaltlose Befreiungsnationalismus der Südtiroler wirklich nur gut meine, folgt schließlich die Behauptung, da gänge es um etwas ganz anders als bspw. beim „chauvinistische Nationalismus“ in Deutschland. Man sei überwiegend moderat und dringe auch nicht auf eine Abspaltung von Italien. Vielmehr begnüge man sich mit der Denkmalpflege deutscher Identität in Form von „Sprache, Kultur etc.“. Als zusätzliche Barriere vor jeder Kritik wird dann noch das Argument aufgebaut, das Verständnis bzw. Verhältnis von links und rechts sei in Südtirol differenzierter, komplizierter und „aus bundesdeutscher Sicht kaum erfassbar“. Man müsse sich also – das wird impliziert – auch mit der Kritik etwas zurückhalten.

    Mit letzterem Argument ist doch nichts anderes gemeint, als dass die Rechten in Südtirol nicht automatisch Neonazis sind und es – Oh Wunder! – dort auch linke Patrioten gibt. Das versteht der deutsche Staatsbürger nun offenbar gar nicht, weil ihm der Rechte offenbar immer gleich ein Nationalist (und kein Patriot) oder gar Neonazi ist. Das trifft aber doch nur auf die Leute zu, die an menschenverachtenden Ideologien ohnehin erst dann was auszusetzen haben, wenn diese die Grenzen des gesellschaftlichen Konsenses übertreten, also bspw. in der Form von Neonazismus und ähnlichem Gedankengut auftreten oder einmal praktisch werden, indem mal hier, mal da ein Ausländer von einem nazistischen Terrorkommando erschossen wird. Da wird dann bei allem was irgendwie verdächtig vorkommt penibel nach Spurenelementen „rechtsextremer“ Einstellungen oder nach Rechtsverstößen gesucht. Den Fehler machen, meiner Auffassung nach, auch allzu oft die eigentlich vernünftigen Kritiker ekelhafter Subkultur.

    Im Übrigen ist es auf jeden Fall eine Untertreibung, dass es beim Patriotismus in Südtirol und auch bei freiwild nur um „Sprache und Kultur, etc.“ gänge. Man braucht sich nur einmal das offizielle Video zum Song „Wahre Werte“ anzusehen, um zu wissen: Hier wird eine reaktionäre Blut-und-Boden-Ideologie besungen. Dann doch lieber Warenwerte!

    Ein Nationalismus, der gegenüber dem Rückfall in die Volksgemeinschaft – der von freiwild recht offen propagiert wird – noch sein Recht hätte, wäre einer, der sich wenigstens explizit und ausschließlich zu bürgerlicher Ideologie bekennt, z. B. so: „America means civil liberties. Patriotism means defending them.“ (http://stallman.org/flag_set.png)

  5. 5 peter 09. Dezember 2012 um 19:44 Uhr

    habt ihr keine arbeit? oder wer bezahlt solche einträge? kapier ich nich!

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