Archiv für Juli 2012

Play with Fire. Veranstaltungsreihe zu Regression und Repolitisierung in Pop- und Subkulturen

Es ist der letzte Donnerstag im Monat im AJZ. Eine Entscheidung, die bis auf diesen letzten Drücker verschoben wurde – wichtiger waren bis dahin Fragen des Gaststättengesetzes, Kürzungsrunden der Fördermittel und nicht zuletzt die Abdeckung des laufenden Betriebs – steht an: Machen wir die Band XYZ? Denn die vertritt sexistische und chauvinistische Positionen. Und sie hat sich bei Facebook mit Nazis ablichten lassen. Es folgt eine heftige Diskussion.

“Die Vorfälle sind lange her.” “Aber distanziert hat sich die Band nicht.” “Wenn wir bei denen anfangen, können wir auch UVW nicht mehr hier auftreten lassen.” “Aber wo bleibt die Konsequenz? Wenns so weitergeht sind wir bald nur noch Gast im eigenen Club.” “In der Szene wo die Band unterwegs ist, gehören solche Äußerungen eben dazu, außerdem sind die ironisch gemeint.” “Hier an der Stelle muss ein Strich gezogen und sich klar positioniert werden.” “Ein Auftritt der Band macht aber das Haus voll.” “Wenn die hier spielen, bin ich raus.”

Nicht nur im AJZ werden die Auseinandersetzungen um musikalische Inhalte wieder hitziger geführt. Geht es z.B. um die Kritik an Rassismus und Sexismus in der Popkultur stoßen in der Regel zwei Positionen aufeinander. Auf der einen Seite steht die, die der jeweiligen Jugend- bzw. Subkultur einen besonderen Eigenwert zumisst, deren Praktiken als schützens- und verteidigenswert erklärt und Kritik mit dem Vorwurf der Inkompetenz an die jeweiligen Kritiker_innen zurückweist. Auf der anderen Seite steht eine Position, die allgemeine menschliche Rechte und Werte fordert und verteidigt und an die Künstler_innen den Anspruch heranträgt, diese zu artikulieren und zu verwirklichen. Ein prominentes Beispiel: ein kleines spitzes Statement wie das des Rappers Casper und der Band Kraftklub gegen die nationalistische Band Frei.Wild bei der “Echo”-Verleihung der ARD wurde von Frei.Wild wie das Eindringen von Feinden in ihr kulturelles Revier behandelt. Die Reaktionen von Frei.Wild – Fans gegen Casper und Kraftklub enthielten selten explizit rassistische oder nationalistische Äußerungen aber häufig das Argument, dass es sich doch nur um Rockmusik handele, in der politische Debatten nichts verloren hätten. Die sorgten doch nur für sinnlosen Zwist.

Rock- und Popmusik kam nach 1945 eine spezielle Rolle zu. Sie wurde als allgemeiner Ausdruck von Freiheit und Individualismus verstanden, sie war Soundtrack der politischen Proteste der 60er Jahre, Symbol für westlichen Universalismus gegen nationalen und provinziellen Partikularismus. Die darauf einsetzende Differenzierung der Popkultur und die Polarität von Mainstream und Untergrund markierte den Übergang zum Konflikt zwischen populärer Konsenkultur und kontroversen Sub- und Gegenkulturen. Die emanzipatorische Selbstgewissheit, mit einer Position gegen die Massenkultur fortschrittliche Werte zu vertreten, ist schrittweise um so mehr geschwunden, je mehr eine erklärte demokratische Haltung, die Ablehnung von Diskriminierung, Toleranz, Offenheit, Vielfalt auch als Ideale innerhalb des gesellschaftlichen Mehrheitsdiskurses auftauchen.
Rebellisches Außenseitertum gehört mindestens seit James Dean zum Standartrepertoire jugendkultureller Äußerungen. Vor dem Hintergrund der akuten wirtschaftlichen Krise steht die Revolte auch aktuell hoch im Kurs. Revoltiert wird allerdings (auch) gegen Individualismus, gegen political correctness – der sexistische Diss erlaubt identitäre Geländegewinne. Subkulturelle Haltungen sind nicht automatisch emanzipatorischer Protest. Die Entwicklung einer offen nationalsozialistisch auftretenden Subkulturströmung sowie nazistischer Stilelemente und Inhalte in unterschiedlichsten Musikrichtungen sind das krasseste Indiz. Die Verweigerung die eigene gesellschaftliche Verantwortung anzuerkennen, unter dem Banner “unpolitisch” zu sein, ist ein weiteres.

Die Vortragsreihe will die historische Entwicklung und das veränderte Verhältnis von Sub- zu Popkulturen sowie die Auseinandersetzung um Rassismus, Sexismus, Homophobie und Nationalismus in der Popkultur behandeln. Sie will damit den Diskussionsprozess von an und in Kultur Engagierten vorantreiben und die Frage stellen: Welchen Soundtrack hat die gegenwärtige Krise und ist dieser hörbar? (mehr…)