Rausch ohne Ende: Die Wandelbarkeit der HalluziNation

Vortrag und Diskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe „is‘ schon schlimm“
Mittwoch, 01.12.2010 19:00 AJZ Chemnitz mit Ernst Lohoff

Der Siegeszug der modernen Staatlichkeit ging mit dem Siegeszug einer Wahnvorstellung einher. Die Formierung anonymer Marktgesellschaften fiel mit der Entstehung der “imaginären Gemeinschaft der Nation” (Benedict Anderson) zusammen. Dieses gemeingefährliche Realphantasma erweist sich nicht nur insofern als extrem anpassungsfähig und variantenreich als es sich innerhalb von zwei Jahrhunderten von Europa aus über alle Kontinente verbreiten konnte; in neuen Mutationen gedeiht es auch im globalisierten Kapitalismus prächtig. Nationalökonomie und Nationalstaat mögen obsolet sein, das Konstrukt einer nationalen-kulturellen Identität ist es nicht, hierzulande am allerwenigsten. Die Debatte um Thilo Sarrazins Bestseller “Deutschland schafft sich ab” fügt sich in einen größeren Prozess ein. Angesichts massiver auch für die Mittelschichten bedrohlicher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verwerfung, bildet sich eine neue Variante “imaginäre Gemeinschaftlichkeit” heraus, die mit dem Liberalismus und der Beschwörung individueller Verantwortung kompatibel ist.