Vortrag und Diskussion: Wissenschaft im Dienste von Staats- und Geldmacht: Hochschulreform als Standortressource

Donnerstag 6. November | 18.00 Uhr | TU Chemnitz (Raum N/113 im Neuen Hörsaalgebäude auf der Reichenhainer Str.)

Veranstaltung beginnt erst 19.00 Uhr!

Durch ein Versehen wurde die Veranstaltung zu zwei verschiedenen Zeiten angekündigt. Einzige mögliche Lösung: Wahl des späteren Beginns. Wir bitten um Entschuldigung.

Vortrag und Diskussion mit Freerk Huisken (Gegenstandpunkt)

Hochschulpolitiker sind ausgesprochen selbstkritisch. Ihnen erscheinen ein gebührenfreies Studium von mehr als acht Semestern, Prüfungen nur am Ende des Studiums, der Beamtenstatus der Lehrenden und die freie Wahl von Forschungsgegenständen wie eine Einladung zur Faulheit. „Zu lange Studienzeiten“, „zu wenig Zwang zur Leistung“, „zu wenig ökonomische Effektivität“, „zu wenig Konkurrenz“, lautet ihr Befund. Für sie steht fest, dass die Unis nicht genug von dem leisten, was die Nation bräuchte: Mehr Wachstum, mehr Attraktivität des Standorts für internationale Geldanleger, größere (Wissens-)Vorsprünge in Sachen Produktivität vor dem Rest der Welt.
Sie lasten also dem Bildungssektor so manche Krise und jede Wachstumsschwäche des Kapitals an und versprechen sich von seiner Korrektur größere deutsche Erfolge auf dem Weltmarkt. Der ganze Sektor leistet für sie in dieser Hinsicht einfach zu wenig – für das Geld, was er kostet; und er kostet zu viel, für das, was er leistet. Das Credo der Reform heißt deshalb: Für das Geld, das der Staat ausgibt, und in den Einrichtungen, die er längst geschaffen hat, mehr Leistung erzwingen.
Die Institution, die Lehrende und Lernende von der Konkurrenz ums Geld gerade ein Stück weit freigesetzt hat, damit sie Wissen erarbeiten und sich aneignen, gilt ihnen inzwischen als eine Fehlentwicklung, ein Fremdkörper in unserer kapitalistisch organisierten Welt. Wissenschaftler sollen deswegen mehr Forschungsergebnisse liefern, sie schneller der Industrie verfügbar machen und in Produkte umsetzen. Studenten sollen billiger und schneller studieren, jünger in die Berufe oder in die Arbeitslosigkeit drängen. Sie sollen durch den Schuldenberg, den sie im Lauf ihrer Lehrjahre anhäufen, klug werden und so studieren, dass ihr Studium den Staat weniger kostet und sich zugleich das Verhältnis von „unproduktiver“ Ausbildungszeit zugunsten der „produktiven“ Benutzungszeit durch den Arbeitgeber verschiebt. Wer früher arbeitet, arbeitet – sofern die „Arbeitgeber“ es wollen – länger und kostet weniger. Und wenn schließlich das Studium durch Studiengebühren mehr noch als bisher zum ökonomischen Vabanquespiel wird, wenn der finanzielle Hintergrund der Familie, aus der ein Student kommt, mehr noch als bisher darüber entscheidet, ob man sich das Wagnis eines Studiums leisten kann, dann stellen Bildungspolitiker damit klar, dass Leute, die dieses finanzielle Risiko nicht tragen wollen, ohnehin nichts auf der Universität verloren haben.
Da wird die Kapazitätsüberlastung der Unis gleich ein wenig kleiner und der Platz in Seminaren, Labors und Bibliotheken ein wenig größer ausfallen. Auch so lassen sich Studienbedingungen verbessern. Und was führt all diese Leistungen zuverlässiger herbei als konsequenter Zwang durch mehr Konkurrenz. So geht Hochschulreform heute.

Freerk Huisken – Jahrgang 1941, Pädagogikstudium in Oldenburg, Tätigkeit als Lehrer bis 1967, dann zweites Studium Pädagogik, Politik und Psychologie in Erlangen-Nürnberg, 1971 Promotion. Seit 1971 Professur an der Universität Bremen: Politische Ökonomie des Ausbildungssektors. Ab März 2006 im Ruhestand. Er ist Mitarbeiter der politischen Vierteljahreszeitschrift Gegenstandpunkt.

http://www.fhuisken.de
http://www.gegenstandpunkt.com

(veranstaltet vom Bildungskollektiv und dem Rosa-Luxemburg-Club Chemnitz)


6 Antworten auf “Vortrag und Diskussion: Wissenschaft im Dienste von Staats- und Geldmacht: Hochschulreform als Standortressource”


  1. 1 pohrt 27. Oktober 2008 um 22:24 Uhr

    zum Thema morgen vll. nochmal über die „Möglichkeiten und Notwendigkeiten studentischem Engagements“ informieren?
    Mit Gottfried Ludewig!
    Das ist der, der kühne Vorschläge macht – weniger Stimmrechte für Rentner und Arbeitslose bei Wahlen z. B. (s.u.a. http://www.langzeitstudis.de/?p=33). Jedoch nicht nur verfassungsfeindlich und perspektivisch und so. Im Uni-Zusammenhang ist es vor allem der Gottfried, der als Vorsitzender Vollidiot des Asta Berlin die eigene Druckerei verscherbelte und damit wirklich Möglichkeiten studentischen Engagements bewies.
    Ludewig ist hier zu treffen: 19:00 Uhr Reichenhainer Str. 90, Zentr. Hörsaal- und Seminargebäude, Raum 2/NK 003

  2. 2 Einer von Dreizehn 07. November 2008 um 11:30 Uhr

    War ne super Veranstaltung gestern.

    Der Gedanke an die ‚Extremismustheorie‘ eines E. Jesse aus Chemnitz drängte sich geradezu auf. Geisteswissenschaft wird dann betrieben bzw. zur Kenntnis genommen, wenn sie „im Dienste der Staatsmacht“ steht. Eine ‚Theorie‘, die dermaßen durch die Brille des Staates schaut und demnach jede Abweichung vom status quo als ‚extremistisch‘/verfassungsfeindlich begreift, ist prinzipiell in jeder Herrschaftsform brauchbar. Diese ‚Theorie‘ hat einzig und allein die Funktion die Herrschaft zu legitimieren; ob das System nun Kapitalismus oder Faschismus heisst, spielt am Ende auch keine Rolle mehr.
    Eckhardt, dein Job ist so sicher wie sonst keiner!

  3. 3 devnull 08. November 2008 um 19:00 Uhr

    @ einer von dreizehn

    ja, das wird schon so sein. mit einer kritik an der extremismustheorie sollte man die kenntnis seiner funktion allerdings nicht verwechseln.

  4. 4 lass uns freunde sein 14. November 2008 um 13:01 Uhr

    junge welt: 14.11.2008 / Thema / Seite 10

    Das war Jesses Geschoß

    Die hessische SPD-Rechte Carmen Everts kommt aus dem rechtsextremistischen Historikerkreis der Commerzbank-TU Chemnitz. Ihr Doktorvater Eckhard Jesse ist Mitbegründer des neueren deutschen Geschichtsrevisionismus

    Von Otto Köhler

    Die allseits bekannte Vera Lengsfeld, jene DDR-Bürgerrechtlerin und Freundin der Jungen Freiheit, die sich in der CDU-Bundestagsfraktion treu an der Seite des braven Judenkritikers Martin Hohmann wiederfand, sprach es am Sonntag abend bei Anne Will klar und deutlich aus, warum letzte Woche in Hessen der geplante »Putsch von links« (Die Zeit) scheiterte: »Frau Ypsilanti muß doch zum Beispiel die Dissertation von Frau Everts irgendwie bekannt gewesen sein. Wie kann sie glauben, daß eine Frau, die in ihrer Dissertation eine ganz klare Analyse über das Demokratieverständnis der PDS liefert, ihr zustimmen kann bei ihrem Projekt. Das geht doch nicht, da muß sie sich doch vorher Gedanken gemacht haben und sie müßte sich dann wenigstens vergewissert haben bei so einer Frau, ob sie denn dafür zu gewinnen ist.«

    Richtig. Vera Lengsfeld (Website-Leitspruch: »Freiheit und Fairneß, statt Gleichheit und Gerechtigkeit«) hat recht. Ja, Ypsilanti hätte die Gewissenswürmer in der Hessen-SPD besser kennen können. Da holt man sich wie Carmen Everts zuerst den Doktor mit einer Dissertation über eine Verfassungsfeindlichkeit der PDS. Dann sagt man in geheimer Probeabstimmung »Ja« zum Zusammengehen mit der Linken und bekennt: »Ich will den Regierungswechsel«. Und zaubert schließlich in allerletzter Minute ein Gewissen herbei, das ein Ja zu Ypsilanti aufgrund ihres in der Dissertation erarbeiteten Gewissens verbietet. Das ist unverfälschte deutsche Sozialdemokratie, wie sie dieses Land seit den Kriegskrediten von 1914 kennt.

    Man kann sie kaufen. Die Dissertation. Sie kostet faire 25 Euro und trägt den Titel »Politischer Extremismus. Theorie und Analyse am Beispiel der Parteien REP und PDS«. Mit »REP« sind die Republikaner gemeint, jene (inzwischen durch die NPD dezimierte) Gruppierung von Rechtsextremisten, die von dem bekennenden SS- und NSDAP-Mann Franz Schönhuber (»Ich war dabei«) gegründet wurde. Die Dissertation ist 2000 auf 362 Seiten im Berliner Weißensee Verlag erschienen und kann in jeder Buchhandlung bestellt werden. Carmen Everts hat mit dieser Arbeit 1999 den Doktortitel erworben, und schon aus der Danksagung am Ende der Dissertation hätte Andrea Yspilanti entnehmen müssen, daß sie mit dieser Genossin niemals einen angesehenen Staatsmann wie Roland Koch Arm in Arm mit Kommunisten stürzen dürfte.

    Everts: »Die offene Gesellschaft lebt vom gegenseitigen Respekt und Toleranz, von dem Eintreten für die Rechte anderer und Solidarität mit den Schwächeren, von Freiheit und Gerechtigkeit. An diesem unverzichtbaren Kompaß eines demokratischen Gemeinwesens sollte sich auch die politische wie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Extremismusphänomen in all seinen unterschiedlichen Facetten orientieren. Mit dieser demokratietheoretisch geleiteten Studie sollte ein Beitrag zur Klärung von Analysekategorien und damit zur Aufwertung der Extremismustheorie und -forschung geleistet werden.«

    Zu dieser Aufwertung und zur Ausarbeitung der unerläßlichen Analysekategorien bedurfte es einer besonderen Hochschule. Es ist die Universität in Chemnitz, die nach der Befreiung vom Kommunismus zum Bollwerk von Freiheit und Fairneß statt Gleichheit und Gerechtigkeit geworden ist. Und zur Filiale der Commerzbank, die aus Frankfurt am Main für ihre Hütchenspiele, die man Investmentbanking nennt, den 132-Euro-Professor und »Untertassentheoretiker« Friedrich Thießen auf ihren Stiftungslehrstuhl berufen hat, damit er dort regelmäßig Schulungskurse abhält (siehe jW-Thema vom 10.10.2008).

    Der Universitätspate Commerzbank übt seit zwei Jahren beim Celler Trialog den »Schulterschluß« mit der Bundeswehr. Am Tag, an dem der Ypsilanti-Putsch an der Chemnitzer Dissertation von Carmen Everts scheiterte, verkündete die Universitätspressestelle Hochaktuelles: »›Eins, zwo, drei, vier‹, so schallt es auf vielen Truppenübungsplätzen in Europa. Damit Armeeangehörige auch so angenehm wie möglich zu Fuß unterwegs sind, arbeitet derzeit im Auftrag der armasuisse die Professur Bewegungswissenschaft der TU Chemnitz um Professurinhaber Dr. Thomas L. Milani an einem einzigartigen neuen Armeestiefel. Gemeinsam mit Dr. Stephan Odenwald, Juniorprofessor für Sportgerätetechnik, konnte er bereits europaweites Interesse wecken: ›Die deutsche und die österreichische Bundeswehr sind in das Projekt eingestiegen. Wir werden auch ihre Schuhe testen und neu entwickeln. Die Problematik ist hochaktuell.‹« Der Armeestiefel der Universität Chemnitz soll, so heißt es weiter, »möglichst vielen Menschen mit unterschiedlichen Fußformen passen«.

    Carmen Everts hat aber ihre Arbeit weder bei Professor Thießen noch bei Professor Milani geschrieben. Sie schrieb sie bei einer besonderen Zierde der Universität, die so reich ist an zu allem talentierten Wissenschaftlern. Everts Danksagung auf Seite 361: »Um auf diesem Gebiet forschen und meine Dissertation zum Abschluß bringen zu können, bedurfte es viel Unterstützung, für die ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte. Anregend für die Beschäftigung mit dem Phänomen des politischen Extremismus war die Förderung durch den wissenschaftlichen Betreuer dieser Arbeit, Prof. Dr. Eckhard Jesse. Für seine Ermutigung und Kritik sowie die offene Arbeits- und Diskussionsatmosphäre im Doktorandenkreis möchte ich mich ausdrücklich bedanken, denn sie haben nicht nur mein Forschungsprojekt vorangebracht.«

    Das wissenschaftliche Umfeld

    Die Everts-Dissertation hat ihr Umfeld. Der ermutigende Doktorvater Eckhard Jesse ist ein alter Kämpfer gegen den Extremismus, lange bevor er nach dem Anschluß damit eine Professur in Chemnitz eroberte. Mit seinem Freund Uwe Backes, der es zu einem Professor an der TU Dresden brachte, gibt er seit 1988 das inzwischen schon neunzehnte Jahrbuch »Extremismus & Demokratie« (Band 19 für 2007 erschien soeben im Nomos Verlag, Baden-Baden, 529 S., 49 Euro) heraus, eine Art gehobener Verfassungsschutzbericht mit zahlreichen Mitarbeitern. Freund Backes ist zugleich stellvertretender Direktor des heißumkämpften »Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung« (HAIT). Dort protegiert er Lothar Fritze, der 1999 schwere Vorwürfe gegen den am 9. April 1945 von den Nazis umgebrachten Georg Elser erhob: Er habe nicht das moralische Recht zum Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller am 8. November 1939 gehabt, weil er dabei den »Tod von Unschuldigen« in Kauf genommen habe.

    In einer Dreierformation trat Jesse 1990 erstmals an eine größere Öffentlichkeit; Backes war dabei und der einflußreiche Verlagslektor Rainer Zitelmann. Ihr Sammelband »Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus« gedieh in der Nachfolge Ernst Noltes, der mitarbeitete, zum grundlegenden Werk des westdeutschen Geschichtsrevisionismus nach dem Endsieg über den Sozialismus.

    Es erschien in Zitelmanns Ullstein-Propyläen-Verlag, damals von Herbert Fleissner geleitet, der rechtsextremistische Zeitschriften wie Nation + Europa förderte. Axel Springer hatte den Verlag rearisiert, nachdem er nach 1945 den jüdischen Eigentümern wiedergegeben worden war, die zuvor von den Nazis enteignet wurden. »Sollte unter die NS-Vergangenheit ein ›Schlußstrich‹ gezogen werden? Höchst kontrovers diskutieren namhafte Wissenschaftler das brisante Thema und fordern – unisono – eine Historisierung des Nationalsozialismus.« Eine Anzeige mit diesem Text warb für das Sammelwerk ganzseitig im Neofaschisten-Organ Nation + Europa.

    Die Mitarbeit an dem Sammelband erwies sich für viele Junghistoriker als besondere Qualifikation. Niemand konnte besser als sie die abzuwickelnden Lehrstühle in Deutsch-Ost porentief von jeglichem antifaschistischen Unrat säubern. Die junge Garde des alten Ernst Nolte, der die Wende vollzog vom Entsetzen über den Faschismus zu dessen Anerkennung als einer legitimen Partei in jenem großen Bürgerkrieg, der 1917 begann und mit dem Endsieg über den Kommunismus jegliche Art von Sozialismus aus dem Weg räumte.

    Jesses Mitherausgeber Rainer Zitelmann – er ist nach einigen Skandalen um seine Verlags- und Pressearbeit inzwischen Immobilienfachmann geworden – war seit einigen Jahren damit beschäftigt, Adolf Hitlers Bild in der Geschichte aufzupolieren. Dreimal schon war er an den Führer herangetreten mit dem Bemühen um »präziseres Verstehen«, nicht um »moralisches Verurteilen«. Schon in seiner »ohne jede Scheu vor verordneten Tabus und daher durchaus als bahnbrechend zu bezeichnenden« (so der frühere NPD-Chef Adolf von Thadden in Nation + Europa) Dissertation »Hitler, Selbstverständnis eines Revolutionärs« geriet Zitelmann ins Grübeln, ob der Führer eigentlich »links« oder »rechts« gestanden habe. Zwar sei es »abwegig, Hitler als Marxisten oder Kommunisten zu bezeichnen«, aber ein »Sozialrevolutionär« war er schon, dem es um nichts mehr ging als um die »Chancengleichheit« in der Gesellschaft.

    Wider den Anti-Antisemitismus

    Backes, Jesse und Zitelmann definieren im Geleit- und Vorwort des Propyläen-Bandes, was sie zusammenhält, was sie unter der Parole der »Historisierung« eine neue deutsche Schule des gleichzeitigen Verdrängens und Glorifizierens der NS-Geschichte bilden läßt. Sie bewiesen ihren besonderen historischen Geschmack, indem sie sich gegen die – nach ihren Ermittlungen in der Bundesrepublik herrschende – »besondere Ghettoisierung und Stigmatisierung von Rechtsextremisten« wendeten. Die »Rituale einer falschen Unterwürfigkeit« müßten fallen, forderten sie.

    »Autoren, die sich aus einer rechtsextremistischen Sicht mit der Geschichte des Dritten Reiches befassen«, hätten »gegebenenfalls mit einer Indizierung ihrer Arbeiten« durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zu rechnen, klagte das Herausgebertrio. Beispielsweise Männer wie Wilhelm Stäglich (»Der Auschwitz-Mythos«) oder Arthur R. Butz (»Der Jahrhundertbetrug«), die sich dem »Ritual« nicht unterwerfen, indem sie »die Massenvernichtung der Juden durch den Nationalsozialismus in Abrede stellen«. Sie leiden unter einem Werbeverbot für ihre Schriften. »Noch gravierender aber«, so beanstanden Backes-Jesse-Zitelmann, ist »der Umstand, daß Autoren, deren Arbeiten indiziert sind, als sozial geächtet gelten«. Man dürfe sich auch nicht durch die Verbrechen der Nazis – falsch! das ist ein »Kampfbegriff der Antifaschisten«, der in wissenschaftlicher Literatur allenfalls in Anführungszeichen benutzt werden kann –, man dürfe sich also durch die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht »den Blick für die in mancher Hinsicht durchaus progressive NS-Sozialpolitik verstellen« lassen.

    Besondere Herzenssache war dem Mitherausgeber Jesse in einem Spezialbeitrag zum Sammelband der Kampf gegen den »Anti-Antisemitismus«. Viele »Kritiker des Antisemitismus«, Leute also, die etwas gegen die Judenfeindschaft haben, argumentieren, meint Jesse, umso lautstärker und unbarmherziger, je schwächer der Antisemitismus in Wirklichkeit sei. Den empirischen Untersuchungen des Juden Silbermann zu diesem Thema zieht Jesse deshalb die aus dem Hause der antisemitisch promovierten Elisa­beth Noelle-Neumann vor, er findet ihre Studien »weit differenzierter und besser abgesichert«. Natürlich, sagt Jesse, gehöre eine »strikte Absage an jede Form des Antisemitismus« – das weiß er wohl – zum Minimalkonsens einer »Demokratie wie die der Bundesrepublik«.

    Jesse bedauert, daß die »Rechte« nicht bereit sei »wider den Stachel des bequemen Anti-Antisemitismus zu löcken«. Der sei »hohl«, weil es »in der intellektuellen Szenerie so gut wie keinen Antisemitismus« gebe. Denn höher als die sicherlich »legitime Sorge« vor Antisemitismus ist »die Gefahr« zu veranschlagen, »unbequeme Ansichten würden stigmatisiert und ins antidemokratische Abseits abgedrängt«. Er dachte dabei »an die geradezu hysterische Reaktion auf jenen Bürgermeister von Korschenbroich«, auf Graf Spee-Mirbach, der vor dem Rat seiner Stadt »unvernünftigerweise« – er hätte doch wissen müssen, was der Jude daraus macht – ein altes antisemitisches Sprichwort gebraucht hatte: Zum Ausgleich des Gemeindehaushalts »müßte man schon einige reiche Juden erschlagen«. Seither, klagt Jesse, firmiere der bedauernswerte Graf »überall in der Bundesrepublik als Prototyp eines Antisemiten«, obwohl er doch »später an eine jüdische Organisation für karitative Zwecke einen namhaften Betrag überwiesen« habe.

    In diesem Zusammenhang verweist Jesse noch auf den – zugegeben, »geschmacklosen« – Ausspruch des CSU-Abgeordneten Hermann Fellner, Juden seien immer dann »zur Stelle, wenn es ums Geld geht«. Auch da habe man »hysterisch« reagiert, obwohl sich Fellner doch »entschuldigt« habe. Und dann schreibt Jesse etwas, was mindestens so gut ist wie das, was Fellner gesagt hat: »Jüdische Organisationen brauchen Antisemitismus in einer gewissen Größenordnung, um für ihre Anliegen Gehör zu finden (…).« Der Jude macht es selbst, daß die Nichtjuden ihm feind sind. Er braucht den Antisemitismus für sein Anliegen. Und dieses war immer: an deutsches Geld zu kommen. Da darf sich der Jude nicht beschweren, wenn der Antisemitismus mal etwas massiver ausfällt, als er es eingeplant hat.

    Kein Problem mit rechtem Rand

    Wir wissen aus den Bekenntnissen der Carmen Everts in der ARD, daß sie vor der ihr zugemuteten Wahl Andrea Ypsilantis verzweifelt auf dem Küchenboden saß und weinte. Ihre Chemnitzer Dissertation gegen den politischen Extremismus machte ihr eine solche Wahl – zusammen mit den Kommunisten! – moralisch unmöglich. Angesichts solcher Gewissensgrübelei ist es schon bemerkenswert, daß Jesse-Schülerin Carmen Everts die übelste Form des rechten Extremismus, den Antisemitismus nur einmal erwähnt. Auf Seite 222 spricht sie ganz nebenbei von »dem unter Franz Schönhuber noch vermehrter (sic!) aufgetretenen Antisemitismus, der die Partei auch in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich als rechtsextrem stigmatisierte«, also mit den Wundmalen versah, die Jesu zugefügt wurden. Doch, einmal noch taucht in dieser »Analyse« des politischen Extremismus irgendwie Judenfeindschaft auf, auf Seite 283. Die Jesse-Promovendin nimmt der PDS übel, daß sie auf dem Parteitag von 1995 die »Grenze des innerparteilichen Pluralismus nicht etwa gegen den Kommunismus gezogen« habe, sondern nur »nationalistische, rassistische und antisemitische Positionen« als unvereinbar mit der PDS-Zugehörigkeit erklärt habe.

    Da zeigt sich eben, daß der Doktorvater ein Extremismusforscher ganz besonderer Art ist. Noch 1993 vermerkte er zusammen mit Uwe Backes in einer aktualisierten Neuauflage von »Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland« die aktive Rolle des Gründers der Monatszeitschrift Mut, Berhard C. Wintzek, bei der Organisation der »Aktion Widerstand« gegen die Ostpolitik Willy Brandts. Und er berichtete über die »gewalttätigen Aktionen der Mitglieder« dieser Organisation, beispielsweise bei der von Wintzek organisierten Großkundgebung in Würzburg: »Am Abend der Würzburger Veranstaltung zogen Gruppen von Demonstranten mit Parolen wie ›Brandt an die Wand‹ und ›Deutsches Land wird nicht verschenkt, eher wird der Brandt gehenkt‹ durch die Stadt.«

    Ein Jahr nach der Veröffentlichung solcher Erkenntnisse über die Monatszeitschrift Mut und die Organisationstüchtigkeit ihres Herausgebers hatte der Extremismusforscher Jesse seine Einschätzung entschlossen geändert. Im Oktober 1994 ist er selbst ein mit Foto vorgestellter Mitarbeiter des Extremistenblattes und beklagt dort, daß »rechts von der CDU keine Partei als koalitionsfähig« gelte, »während der SPD mit dem Bündnis 90/Die Grünen eine Partei links von ihr zur Seite steht«.

    Heute ist das nicht anders. Als im Mai dieses Jahres die Thüringer CDU den ehemaligen Redakteur der rechtsradikalen Jungen Freiheit Peter Krause zum Kultusminister erheben wollte, trat Jesse mannhaft für ihn ein. In der Leipziger Volkszeitung erspähte Jesse die Junge Freiheit im »Kern des demokratisch-konservativen Spektrums« mit allenfalls »einigen Facetten nach Rechtsaußen«. Doch die zählten hier nicht, weil Krause ein »Antikommunist durch und durch« sei, was wohl wahr ist.

    Am vergangenen Freitag – vier Tage nach dem Sieg in der Abwehrschlacht – machte die Universität Chemnitz über ihre Pressestelle Reklame für das neueste Buch von Jesse (mit Koautor Jürgen P. Lang vom Bayerischen Rundfunk): »Absicht der Autoren ist es, Die Linke und ihre Vorgänger möglichst unverstellt zu präsentieren. ›Wir haben uns bei der Charakterisierung der Partei um Fairneß bemüht‹, schreiben Jesse und Lang in ihrem Buch. Dennoch hegen sie keinen Zweifel daran, daß Die Linke keine ›normale‹ Partei ist, die den deutschen Verfassungsstaat unterstützt. ›Die Linke bleibt eine Partei mit extremistischer Grundausrichtung, die sich nach dem Zusammenschluß von WASG und PDS sogar noch verstärkt hat‹, so die beiden Politikwissenschaftler. Dieser Extremismus komme nicht wie bei der NPD als harte Systemopposition daher, sondern in einer abgemilderten, weichen Form, für die die Autoren das Attribut ›smart‹ verwenden. Die Charakterisierung der Linken als extremistisch machen Jesse und Lang auch daran fest, daß in den Reihen der Linken offen systemfeindliche Gruppen wie die Kommunistische Plattform neben reformierten Kräften geduldet werden und sogar noch Privilegien genießen. Daß die Verfassungsschutzämter in den neuen und alten Bundesländern darauf bis heute ganz unterschiedlich reagieren, zeuge – so die Wissenschaftler – von falsch verstandener politischer Rücksichtnahme. (…) Die Autoren wehren sich entschieden dagegen, daß die demokratischen Parteien mit der Linken eine Koalition auf Bundes- oder Landesebene eingehen. Damit werde der antiextremistische Konsens gefährdet. Weitere Informationen erteilt Prof. Dr. Eckhard Jesse, Professur Politische Systeme, Politische Institutionen, Telefon 0371/531-27720…« Das Buch heißt »Die Linke – der smarte Extremismus einer deutschen Partei« und erschien im Münchner Olzog Verlag (288 Seiten, 24,90 Euro), der auf derselben Prospektseite Reklame für eine Neuauflage des pensionierten Rechtsaußengenerals Gerd Schultze-Rhonhof macht.
    In Feierlaune

    An der TU Chemnitz ist man nun fröhlich: 132 Euro für Hartz-IV-Menschen, komfortable Kampfstiefel auch für deutsche Soldaten und Aus für Ypsilanti. Das wurde und wird gefeiert. Am vergangenen Mittwoch unter dem Universitätsmotto »Studieren in Chemnitz. Wissen, was gut ist« beim »Dies academicus«. Dazu – bescheidenes Zeichen, daß man diese Universität kaufen kann – Freibier von »unseren Sponsoren«.

    Heute beginnt im Zentralen Hörsaal- und Seminargebäude an der Reichenhainer Straße 90 das dreitägige Fest »15 Jahre WIWI-Fakultät« – »Wiwi« das heißt Wirtschaftswissenschaften und es ist angemessen, dies so abzukürzen. Es beginnt im Zentralen Hörsaalgebäude mit einem »Get together« und endet nach dem Festvortrag mit »Empfang & Gelegenheit zum wissenschaftlichen Meinungsaustausch« – am Buffet zwischen Professor Thießen und Hartz-IV-Empfängern.

    Nur am Montag, beim Akademischen Festakt anläßlich der Einrichtung der Honorarprofessur »Innovationsmanagement in der Stahlindustrie« gibt es zwar Begrüßungsworte und Festvorträge vom Präsidenten der Wirtschaftsvereinigung Stahl und der Vorstandsvorsitzenden der Salzgitter AG und von VW – der Rektor darf auch was sagen. Aber Freibier und Buffet sind, soweit bekannt, da nicht vorgesehen.

    Carmen Everts: Politischer Extremismus. Theorie und Analyse am Beispiel der Parteien REP und PDS, Berlin 2000, Weißensee Verlag, 362 S., 25 Euro

    Otto Köhler ist freier Journalist sowie Autor von »Und heute die ganze Welt. Über die Geschichte der IG Farben« (Köln 1990) und »Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland« (München 2003)

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