Tagesseminar: Feminismustheorien jenseits von Gender Mainstreaming. Einführung in das Wertabspaltungstheorem

Sonntag 26.10. | 13.00 bis 19.00 Uhr | Rothaus Chemnitz

Tageseminar mit Roswitha Scholz (Gruppe Exit!)

In den 90er Jahren dominierten im akademischen Feminismus poststrukturalistische Theorien. Marxistische Ansätze waren im Gegensatz zu den 70er und 80er Jahren marginalisiert. Statt nach einem neuen Totalitätsverständnis zu suchen, das neuere Entwicklungen wie den Niedergang des realexistierenden Sozialismus zu erklären imstande wäre, wandte man sich Kulturalistischen Konzeptionen zu. Mittlerweile hat sich die Situation jedoch wieder geändert. Mit einer weiteren Zuspitzung der ökonomischen Lage und einer immer stärker hervortretenden „sozialen Frage“ stieg auch das Interesse an einer Kritik der „politischen Ökonomie“ wieder an. Damit allerdings geraten Sexismus, aber auch Rassismus, wieder einmal in Gefahr, zu Nebenwidersprüchen“ zu verkommen.

Deshalb möchte ich in dem Seminar einige zentrale Momente der Wert-Abspaltungstheorie vorstellen, die ich im zeitgeistigen Kontext der kulturalistischen 90er Jahre als Gegenkonzept entwickelt habe. Die Theorie der „Wert-Abspaltung“ ist ein Versuch, Wert und Geschlechterverhältnis auf derselben Abstraktionsebene als ein dialektisch vermitteltes Gesamtverhältnis zu begreifen. Dabei schließe ich einerseits an die Gesellschaftstheorie Adornos und andererseits an die Wertkritik der „Krisis“-Gruppe an, insbesondere an deren kategoriale Kritik des Arbeitsbegriffs. Diese theoretischen Positionen sollen durch die Theorie der Wert-Abspaltung im Sinne einer Kritik des Androzentrismus gewendet werden, um zu einer kritischen Meta-Theorie zu gelangen, die auch analytische Kraft für die (postmodernen) Zeitverhältnisse beanspruchen kann.

Mit Wert-Abspaltung ist dabei im Kern gemeint, daß bestimmte Reproduktionstätigkeiten, aber auch damit verbundene Gefühle, Eigenschaften, Haltungen (Emotionalität, Sinnlichkeit, Fürsorglichkeit u.ä.) vom Wertverhältnis, dem System der abstrakten Arbeit, abgespalten und zum „weiblichen Lebenszusammenhang“ gemacht werden. Diese „weiblichen“ Reproduktionstätigkeiten haben so einen anderen Charakter als die abstrakte Arbeit und können deshalb nicht einfach unter den Arbeitsbegriff subsumiert werden. Sie sind gewissermaßen der Schatten, den der Wert wirft, und der durch das Marxsche Begriffsinstrumentarium nicht erfaßt werden kann. Sie sind notwendig mit dem Wert gesetzt, gehören notwendig zu ihm, andererseits befinden sie sich jedoch außerhalb desselben und sind dessen Voraussetzung. In diesem Zusammenhang übernehme ich von F. Haug die Erkenntnis, daß es im Kapitalismus einerseits eine abstrakte „Zeitsparlogik“ gibt, die prinzipiell der Produktionssphäre (der betriebswirtschaftlichen Vernutzungslogik entsprechend) zuzuordnen ist, und andererseits eine Logik der „Zeitverausgabung“, die dem „weiblichen“ Reproduktionsbereich entspricht. Im Gegensatz zu Haug, die noch wesentlich im altmarxistischen Kontext argumentiert (vgl. Haug, 1996), sehe ich darin jedoch eine kategoriale Kritik des positiven marxistischen Arbeitsbegriffs angelegt, der eben gerade nicht für die abgespaltene Logik der „Zeitverausgabung“ eingeklagt werden kann.

Die Kategorien zur Kritik der politischen Ökonomie reichen jedoch noch in anderer Hinsicht nicht aus. Die Wert-Abspaltung impliziert auch ein spezifisches (sozial-)psychologisches Verhältnis. Bestimmte minderbewertete Eigenschaften (Sinnlichkeit, Emotionalität, Verstandes- und Charakterschwäche etc.) werden „der Frau“ zugeschrieben und von der männlich-modernen Subjektivität abgespalten. Umgekehrt haben sich auch Frauen nicht selten selber mit diesen Zuordnungen identifiziert. Derartige geschlechtsspezifische Zuschreibungen charakterisieren wesentlich die symbolische Ordnung des warenproduzierenden Patriarchats. Es gilt also, über den sozial-ökonomischen Zusammenhang hinaus sowohl die sozialpsychologische als auch die kulturell-symbolische Dimension zu berücksichtigen. Gerade auch auf diesen Ebenen erweist sich die Wert-Abspaltung als Formprinzip des warenproduzierenden Patriarchats.
aus R. Scholz : Wert und Geschlechterverhältnis, 1999 & Die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung und die Kritische Theorie Adornos, 2005; http://www.exit-online.org/text1.php?tabelle=autoren&index=18

Gruppe Exit!
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Rothaus Chemnitz
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(Eine Veranstaltung von Jugendbildungswerk e.V., Rosa-Luxemburg-Stiftung und Roter Hochschulgruppe)