Vortrag: Revolutionstheorie und Fetischkritik – Guy Debord und die Situationistische Internationale

Donnerstag 27.11. | 19.00 Uhr | Reitbahnstrasse 84

Veranstaltung mit Negator (Studienbibliothek, Hamburg) und Stefan Grigat (Cafe Critique, Wien)

„Sicher, der Situationismus ist nicht das Gespenst, das in der industriellen Revolution umgeht, nicht mehr als 1848 der Kommunismus das Gespenst war, das in Europa umging.“
Francois Chatelet, Nouvel Observateur vom 3. Januar 1968

Die Verhältnisse in deutschen Landen bleiben wie immer unter aller Kritik. Vierzig Jahre nach 1968 wird durch Eichinger und Co. die Stadtguerilla um Baader und Meinhof in das Gedächtnis des Gartenzwergelands heimgeholt und damit gleichzeitig der Schrecken des linken Terrors gehegt und gepflegt. Wird in Deutschland in Bezug auf 1968 fast nur über individuelle Gewaltakte reflektiert, war mensch in Frankreich analytisch schon vor Jahren mit dem Urteil über 1968 weiter, als Michel Houellebecq die postfordistische Umwälzung nach dem Aufstand in den Straßen als „Ausweitung der Kampfzone“ im Sinne der kapitalistischen Verwertung verdammte.

Das Spektakel schlug mit voller Wucht zurück. Gerade in Frankreich, wo es im Unterschied zu Deutschland gemeinsame Aktionen von Industriearbeiter_innen und Student_innen gab, neben den Universitätsbesetzungen den landesweiten Generalstreik, wiegt die Niederlage von 1968 immer noch bitter.

Die Situationistische Internationale (S.I.) war eine der bedeutenden politischen Gruppen, deren Texte die theoretischen Zündschnur für die Straßenschlachten des Pariser Mai lieferten. Mit Texten übers „Elend im Studentenmilieu“ hatten sie zuvor die Ausweglosigkeit der kleinen Fluchten, die die bürgerliche Gesellschaft verspricht, aufgezeigt. Die S.I. wirkte nicht nur in Frankreich, sondern tatsächlich als eine neue internationale, über die europäischen Binnengrenzen hinweg organisierte revolutionäre Gruppe, die sich fundiert durch die Kritik der politischen Ökonomie mit verschiedensten aktuellen Entwicklungen der bürgerlichen Gesellschaft beschäftigte. Ihrer teilweise wilden Praxis entsprangen verschiedene Interventionsformen.

Die S.I. trat seit den 50er Jahren beständig gleichzeitig einerseits mit einer Fundamentalkritik der bürgerlichen Gesellschaft an sich und andererseits mit einer vernichtende Kritik ihrer vermeintlichen Gegenspieler hervor. Und bei letzterem ließen sie sowohl an der traditionellen Partei- und Gewerkschaftslinken als auch am romantisierenden Künstler- und Existentialistenmilieu kein gutes Haar.

Diese Kritik an nahezu allen und jedem manifestierte sich in unzähligen Ausschlüssen und Spaltungen der Gruppe. Die München-Schwabinger Malergruppe S.P.U.R. flog beispielsweise schnell wieder achtkantig und als „Nationalsituationisten“ verlacht aus der S.I. heraus. Auch die Begriffsbildung „Situationismus“ war Leuten wie Guy Debord zuwider, markierte sie schließlich das Gerinnen der revolutionären Ideen zu purer Ideologie.

Dass ein Begriff wie „derive“ – umherschweifen – heute zum guten Ton eines jeden Stadtplanungsbüros gehört, besonders in Abrissmetropolen wie Chemnitz, und ein Begriff wie „detournement“ seinen Einzug in die „Strategien“ der Kommunikationsguerilla gefunden hat, und zwar just in dem Moment, als auch DIESEL und Benetton die Schockwerbung für sich entdeckten, all dies hätte die S.I. nur als Beispiel der Logik der „Rekuperationstotalität“ genommen, der Fähigkeit des kapitalistischen Systems, sich die Symbole und Formen des Protests einzuverleiben und unwirksam zu machen.

Wenn es also, wie die kritische Theorie besagt, kein richtiges Leben im falschen geben kann, so ist die Frage, welche Konsequenzen aus dem Schreiben und Wirken, dem Scheitern und Gelingen der S.I. heute für eine radikale Kritik des falschen Ganzen gezogen werden können.

Das Hauptmitglied der S.I. Guy Debord fasste die bürgerliche Gesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts mit dem Begriff der „Gesellschaft des Spektakels“, einer Gesellschaft, bestimmt durch eine alles erfassende fetischistische Weltsicht ihrer Mitglieder.

Stefan Grigat und Negator vom Autorenkollektiv „biene baumeister zwi negator“ haben sich in den letzten Jahren der Wiederaneignung und Kritik der S.I. gewidmet. Die Ausgangslage dazu ist für uns alle günstig – als große Gegner der Einschränkung des Zugangs zu Wissen haben sich Anhängerinnen und Anhänger der S.I. es zur Aufgabe gemacht, ihre Texte immer wieder frei im Internet zugänglich zu machen. Beide Referenten werden an diesem Abend über die Geschichte und Theorieansätze der Gruppe berichten. Stefan Grigat speziell zur Fetischkritik der S.I. und kritisch zum problematischen Verhältnis der S.I. zum Zionismus und zu Israel, Negator zum Revolutionskonzept der S.I. und zu ihrer Kritik am Parteisozialismus.


3 Antworten auf “Vortrag: Revolutionstheorie und Fetischkritik – Guy Debord und die Situationistische Internationale”


  1. 1 schütten 20. November 2008 um 14:28 Uhr

    Schön, da kann gleich in die wilde Praxis der Vokü interveniert werden.

  2. 2 frechi 30. November 2008 um 23:45 Uhr

    kein mitschnitt der veranstaltung, aber einer der dem vortrag inhaltlich wohl sehr nahe kommt:
    http://www.archive.org/details/StephanGrigatZwiKritischeTheorieAlsSituationistischeAktualisierung

  3. 3 schütten 02. Dezember 2008 um 15:03 Uhr

    das muss ich mir nicht nochmal geben. aber ging es nicht eigentlich um das: http://www.stopthebomb.net/de/start/
    bzw. dann merkwürdigerweise nicht mal um das:
    http://www.konkret-verlage.de/kvv/an.php?jahr=2008&mon=09

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.