Vortrag: Der Arbeitslohn – Lohnkampf und Gerwerkschaft heute

Montag 20.10. | 19.00 Uhr | Reitbahnstrasse 84

Vortrag und Diskussion mit Peter Decker (Redaktion GegenStandpunkt)

Das ausgebeutete Proletariat, so wie es der alte Marx kannte, gibt es angeblich nicht mehr. Zweifellos aber gibt es noch den Arbeitslohn, mit dem freie Unternehmer sich die Arbeit kaufen, die ihnen Gewinn bringt. Wo Arbeit käufl ich ist, ergeht es ihr wie jeder Ware: Der Käufer kauft sie so billig ein, wie er nur kann, macht von ihr aber zugleich einen möglichst ausgiebigen Gebrauch. Der Verkäufer dieser Ware, die nicht zum Zweck des Verkaufs auf die Welt gekommen ist, verhält sich dagegen gar nicht wie ein normaler Verkäufer. Er stellt sein Angebot nicht ein, verlegt sich nicht auf den Verkauf anderer Ware, wenn der Preis für Arbeit schlecht steht. Er verkauft unbedingt – also zu jedem Preis, weil er vom Arbeitslohn leben muss. So nimmt er, was er kriegt. Den Preis für seine Ware bestimmt alleine das Gewinnkalkül des Käufers.

Die wachsende Zahl der „working poor“, die den ganzen Tag arbeiten und von ihrem Lohn nicht leben können, zeigt, dass eines sich seit Marx Tagen jedenfalls nicht geändert hat: Die Masse der Bevölkerung hat kein anderes Lebensmittel in der Marktwirtschaft, als den Arbeitslohn. Der aber ist kein Lebensmittel. Die Lohnarbeiter müssen von ihm leben, aber er wird nicht gezahlt, damit sie leben können. Die Höhe des Arbeitseinkommens richtet sich nicht danach, was der Mensch für ein anständiges oder überhaupt für ein Leben braucht.

Weil der Arbeiter von dem Lohn, den der Unternehmer zahlt, nicht leben kann, wurden einst Gewerkschaften gegründet – leider nur für einen erbärmlichen Zweck: Von seinem Dienst am Gewinn des Unternehmens soll der Arbeiter leben können! Dafür kämpfen Gewerkschaften. Ohne ihre Gegenwehr würde Ausbeutung und Elend herrschen; mit Tarifvertrag und Betriebsrat aber ist Lohnarbeit ein prima Lebensunterhalt. Gewerkschaften gehen aus vom feindlichen Gegensatz des Interesses der Unternehmer zu dem ihrer menschlichen Betriebsmittel – und streben nichts an als die Koexistenz beider Seiten. Sie stehen nicht auf dem Standpunkt der materiellen Interessen ihrer Mitglieder, sondern auf dem der Verträglichkeit von Lohn und Profit.

Ihre Sache ist nicht die Gegenwehr der Arbeiterschaft gegen ihre Abhängigkeit vom Kapital, sie organisieren sich, um diese Abhängigkeit anzuerkennen und mit zu gestalten. Weil sie nichts anderes wollen, als das, worauf Arbeitskräfte im Kapitalismus nun einmal angewiesen sind – vom Lohn leben –, werden sie, wenn das im Zug des kapitalistischen Fortschritts schlechter gelingt und ihre Leute gar nicht erst Arbeit finden, zu offenen Parteigängern des Kapitalwachstums. Wenn die Arbeitslosen nach Millionen zählen, fordern Gewerkschafter: Arbeit, Arbeit, vor allem Arbeit! – und erklären selbst ihre früheren Erfolge im Kampf um Lohn und soziale Sicherheit zu „Beschäftigungshindernissen“, die sie den Unternehmern aus dem Weg räumen, damit die wieder „Arbeit schaffen“ können.

Nach 150 Jahren Kampf um den „gerechten Lohn für ein gerechtes Tagwerk“ stehen die Gewerkschaften in entscheidender Hinsicht da, wo sie angefangen haben: Der Lebensstandard der Leute, die sie vertreten, sinkt. Auch im Haushalt des regulär beschäftigten, „gut verdienenden“ Arbeitnehmers wird knapp gerechnet und sich nur selten „etwas geleistet“; das Einkommen geht im Wesentlichen für den Lebensunterhalt drauf. Daneben wächst der Niedriglohnsektor auf etwa ein Viertel der deutschen Arbeitsplätze. Wer hier arbeitet, kann auch im Zeitalter nahezu automatischer Fabriken vom Lohn für eine volle Arbeitswoche kaum sich und ganz sicher keine Familie ernähren. Ohne Anfl ug von Selbstkritik bekennen die deutschen Gewerkschaften ihre Ohnmacht: Angesichts der großen Arbeitslosigkeit könnten sie nichts gegen Hungerlöhne ausrichten, da, sagen sie, „ist die Politik gefordert“. Recht haben sie: Wer ihren Zweck verfolgt, ist wehrlos, sobald die Nachfrage des Kapital nach Arbeit hinter dem Angebot zurückbleibt.

Die hier aufgestellten Thesen und vielleicht provozierenden Behauptungen sollen auf dem Vortrag erläutert und verteidigt werden.

Material:

Anmerkungen zum kapitalistischen Verhältnis zwischen Arbeit und Reichtum
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/96/4/arb&reic.pdf

Peter Decker / Konrad Hecker: Das Proletariat. Politisch emanzipiert – Sozial diszipliniert – Global ausgenutzt – Nationalistisch verdorben – Die große Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende
http://www.gegenstandpunkt.com/vlg/prol/prolix.htm

Audiovorträge zum Thema Kapital und Arbeit
http://doku.argudiss.de/?Kategorie=KuA


4 Antworten auf “Vortrag: Der Arbeitslohn – Lohnkampf und Gerwerkschaft heute”


  1. 1 pohrt 16. Oktober 2008 um 18:51 Uhr

    apropos gewerkschaften. der marxist lacht nicht nur bei edeka – „sie sind uns mehrwert“ – sondern auch hier: bildung ist mehrwert. http://www.gew-osnabrueck.de/Bilder/Bildung%20ist%20mehr%20wert.jpg

  1. 1 contradictio.de » Veranstaltungen » Vortrag & Diskussion in Chemnitz: Der Arbeitslohn - Lohnkampf und Gewerkschaft heute Pingback am 05. Oktober 2008 um 10:27 Uhr
  2. 2 Montag | 20.10.08 | 19:00 | Der Arbeitslohn und seine Freunde - Gewerkschaften Heute - Vortrag und Diskussion mit Peter Decker « REITBAHNSTRASSE84 Pingback am 05. Oktober 2008 um 15:45 Uhr
  3. 3 MPunkt Trackback am 10. Oktober 2008 um 6:43 Uhr
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