Seminarreihe „Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx“

Auch jenseits traditionell linker Zirkel wird inzwischen über die destruktiven Konsequenzen eines “ungezügelten” Kapitalismus diskutiert. Jede auf Veränderung zielende Praxis geht von einem bestimmten Verständnis des Bestehenden aus. Wird z. B. die Einführung einer Tobin-Steuer (d.h. die Besteuerung von Devisengeschäften) als ein entscheidendes Mittel zur “Zähmung” des “entfesselten” Kapitalismus gefordert, dann sind damit bestimmte theoretische Konzepte über die Bedeutung von Finanzmärkten, über gezähmten und ungezähmten Kapitalismus unterstellt, ob sie nun ausgesprochen werden oder nicht. Die Frage, wie der gegenwärtige Kapitalismus funktioniert, ist somit keine abstrakt akademische, vielmehr hat die Antwort auf die Frage unmittelbar praktische Relevanz für jede kapitalismuskritische Bewegung.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten Jahren auch wieder theoretische Großentwürfe Konjunktur hatten, wie zuletzt “Empire” von Antonio Negri und Michael Hardt, das “Informationszeitalter” von Manuel Castells oder speziell in Deutschland, Robert Kurz “Schwarzbuch Kapitalimus”. In allen drei, inhaltlich und politisch ganz unterschiedlich ausgerichteten Büchern wird mehr oder weniger stark auf Marxsche Kategorien zurückgegriffen: teils werden sie zur Analyse der gegenwärtigen Entwicklung benutzt, teils werden sie als überholt kritisiert. Offensichtlich kommt man auch heute nicht um das Marxsche “Kapital” herum, will man sich grundsätzlich mit dem Kapitalismus auseinandersetzen.
Beginnt man das “Kapital” zu lesen, stößt man auf einige Schwierigkeiten. Gerade am Anfang ist der Text nicht immer ganz einfach zu verstehen. Abschreckend dürfte auch der Umfang der drei Bände wirken. Allerdings sollte man sich bei der Lektüre auf keinen Fall nur mit dem ersten Band begnügen. Da Marx seinen Gegenstand auf verschiedenen, sich wechselseitig voraussetzenden und ergänzenden Abstraktionsstufen darstellt, kann die im ersten Band behandelte Wert- und Mehrwerttheorie erst am Ende des dritten Bandes vollständig begriffen werden. Was man nach der isolierten Lektüre des ersten Bandes zu wissen glaubt, ist nicht nur unvollständig, sondern auch schief.
Nicht ohne weiteres zu verstehen ist auch der Anspruch des “Kapital”, der im Untertitel zum Ausdruck kommt und den Marx auch zur Charakteristik seines gesamten wissenschaftlichen Projektes benutzte: Kritik der politischen Ökonomie. Als politische Ökonomie wurde im 19. Jahrhundert thematisch ungefähr das bezeichnet, was man heute Volkswirtschaftslehre nennt. Mit der Bezeichnung Kritik der politischen Ökonomie deutet Marx an, das es ihm nicht allein um eine Darstellung geht, sondern um eine fundamentale Kritik an der gesamten bisherigen Wirtschaftswissenschaft: Es geht Marx um eine “wissenschaftliche Revolution”, allerdings um eine in politischer, sozialrevolutionärer Absicht. Trotz all dieser Schwierigkeiten sollte man die Lektüre des “Kapital” auf sich nehmen. Die Einführung kann diese Lektüre nicht ersetzen, sie soll lediglich eine erste Orientierung bieten.

(gekürzter Teil des Vorworts zu: Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Stuttgart: Schmetterling Verlag, 4. Aufl . 2006. Die Anschaffung des Buches für die Seminarreihe wird dringend empfohlen. Es ist für 10 EUR im Buchhandel erhältlich und bei Anna Blume/Rothaus vorrätig).

In der von Patrick Pritscha (Buchhändler und Stadtrat aus Chemnitz) geleiteten Seminarreihe soll es primär um ein gemeinsames Erschließen des Textes von Heinrich gehen, um auf diese Weise eine Grundlage für weiterführende Auseinandersetzungen mit der Marxschen Theorie zu schaffen. Die Seminare können helfen, ein leichteren Zugang sowohl zu Marx selbst, als auch zu den aktuellen Debatten zu finden. Zugleich sollen sie – ohne Angst vor der eigenen Unwissenheit – eine Möglichkeit bieten, gemeinsam über Marxsche Theorie ins Gespräch zu kommen. Den Abschluß der Seminarreihe wird ein vertiefendes Tagesseminar mit Michael Heinrich im Juli bilden.

Die Seminare finden wöchentlich Mittwochs 18.00 Uhr im Rothaus (Lohstraße 2) statt. Erste Veranstaltung am 2. April.


1 Antwort auf “Seminarreihe „Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx“”


  1. 1 Tagesseminar: Michael Heinrich zur Kritik der politischen Ökonomie « BILDUNGSKOLLEKTIV.blogsport.de Pingback am 20. Juni 2008 um 12:55 Uhr
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